Nächstes AG-Treffen: 20:00 Uhr am 17.Mai 2010
Ort: Bitte unter aginter (at) ash-berlin.eu nachfragen (Kreuzberg/Neukölln)

____Willkommen zur AG Gegenstrom ! ^0^____

AG Film-Veranstaltung

ASTA Logo

Dienstag, 13. April 2010

ISAH - c) Möwen und Drehkreuze (Istanbul Dez 2008)

Möwen und Drehkreuze: Impressionen aus Istanbul, Dezember 2008

Zuerst und zuletzt: der krasse Gegensatz der benachbarten Welten Taksim und Tarlabası. Frauen, die auf der seifenschlittrigen Straße Teppiche bürsten, einen Steinwurf entfernt von den glitzernden Fassaden der europäischen Einkaufspassage. Ein Sketch, aus dem Fernsehen nachgespielt: Kinder, ihre kleine Welt aus Dreck, Gewalt und Armut, aber auch die der Reichen karikierend. Kinder, die bei alledem Kinder sind.
Wäschegirlanden und Handkarren, beladen mit Brot.

Der rote Kunststoffboden in den Verliesen der privaten „Bilgi“. Schwer bewachte Drehkreuze vor allen staatlichen Universitäten – ein Riegel dem revolutionären Potential! Drehkreuze auch am Eingang des Istanbul Modern, dessen Ausstellung gefiel – gewagter, freier als erwartet. Nicht so schwer bewachte an der Tram.

An jeder Straßenecke: Blumenzwiebeln, Simit und heiße Maronen. Mit dem Hut in der Hand komm ich durchs Land: in stockendem Türkisch kostet Vieles nur die Hälfte. Nescafé gütür mek için: die Osmanen haben den Kaffee nach Europa gebracht – zum Dank müssen sie importierten Instantkaffee aus Plastikbechern schlürfen. Ungerechtigkeit ist der Welten Lohn. Japanische Zigaretten und portakal suyu: selten so gesund gelebt!

Das goldene Horn: Tag und Nacht angelnde Männer auf der Brücke, die Fischbrötchenbuden ein Stockwerk darunter – ein ökonomischer Mikrokosmos. Eine Brücke, Hauptschlagader des städtischen Verkehrs, die in den Morgenstunden unterbrochen ist: in Deutschland völlig undenkbar. Auffällig im Stadtbild auch: die fehlenden Frauen.

Allah ist groß: der Ruf von tausend Muezzinen, elektrisch verstärkt und dann herabgeschickt von Minaretten aus Beton, wirft auch den teuersten Geschäftsanzug ehrfürchtig in den Staub der Mittagssonne. Plastiktüten, um die Schuhe (die ollen) beim Betreten der Moschee mitzunehmen und vor dem Diebstahl zu bewahren. Besuchereingang.

Çok kalabalık! Im Taxi auf Fußgängerjagd: hupen und draufhalten. Balık heisst der Fisch, kalabalık der Verkehr: oh wunderbare Sprache, in der sich Altertum und Neuzeit in solcher Harmonie zusammenfinden!

Und dafür steht die Stadt, darin liegt ihr Charme. Viele der Häuser auf den zweiten Blick so gar nicht wie aus Sindbads Zeiten. Tausendundeine Nacht sind mancherorts drei Jahre: stählern ist der Zahn der Zeit, die Füllungen aus Beton. Auf ihrem Thron am Bosporus dazwischen die Moscheen: monumental, grandios, altgriechisch-orthodox.

Istanbul umflort bei alledem die Aura der tausendjährig gewachsenen Stadt: unergründlich, ewig und unerschütterlich trotz der Risse, die als Zeugen der letzten Erdbeben das Mauerwerk durchziehen. Auf dieser Seite jedenfalls. Furchteinflößend steht die Kulisse der Megacity aus Plattenbau und Parkplatz auf dem asiatischen Kontinent als Kontrapunkt dazu.

Sokak kedisi, Zeitung der Straßenkinder: streunende Katzen, von Ungeziefer zerfressen, und humpelnde Hunde, verachtet und getreten von den Städtern. Weil sie die Liebe nicht kennen: zu Tieren? zu gar nichts! sagt Fatma.

Hard fact: durchschnittlicher Verschleiß an Vorsitzenden des Türkischen Menschenrechtsvereins seit seiner Gründung 1986: 0,59 Kopf pro Jahr.

Und ungebunden, frei über allem: die Möwen, badend im rosafarbenen Ablicht der Stadt, ihre Kreise vor dem schwarzen Nachthimmel ziehend.

(für Yelda und Claus, im Februar 2009)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen