„Die Regierung tut so, als gäbe es keine Probleme“
Ein Interview mit den GenderaktivistInnen Jorge López und Zulma Robles aus Guatemala
Diskriminierung und oft tödliche Gewalt prägen in Guatemala den Alltag von
Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern (LGBT). Für die Achtung
ihrer Menschenrechte arbeitet die Nichtregierunsgorganisation OASIS
(Organisation zur Unterstützung einer integralen Sexualität um AIDS
entgegenzutreten). Die Lateinamerika Nachrichten sprachen mit zwei
AktivistInnen über trans- und homophobe Morde, die Einstellungen von Staat
und katholischer Kirche und die Folgen des Bürgerkrieges.
Sie leisteten mit OASIS in den ersten Jahren ausschließlich Präventions-
und Aufklärungsarbeit im Bereich HIV/AIDS. Seit Ende der 1990er Jahre
liegt der Schwerpunkt der Arbeit verstärkt darin, die Menschenrechte von
Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern (LGBT) zu fördern. Wie kam
es zu dieser Entwicklung?
Jorge:
Was wir zu Beginn unserer Tätigkeit machten, ist natürlich sehr wichtig:
Kondome verteilen, HIV-Tests, mit den Menschen über ihr Sexualverhalten
sprechen. Aber diese Arbeit kratzt nur an der Oberfläche des Problems. In
eigenen Studien haben wir festgestellt, dass ein Anteil von 18,3 Prozent
der schwulen und bisexuellen Männer sowie Transgendern mit dem HI-Virus
infiziert ist. Eine wirkliche HIV-Prävention impliziert aber nicht nur
Aufklärung. Vielmehr müssen die gesellschaftlichen Vorurteile beseitigt
werden, die etliche Menschen als einzige Einkommensquelle die Sexarbeit lassen.
Wie äußerten sich die Vorurteile gegenüber der LGBT-Community in der Vergangenheit?
Jorge:
Hier spielte der Bürgerkrieg in Guatemala (1960 bis 1996, Anm. d. Red.) eine entscheidende Rolle.
Die LGBT-Community wurde in jener Zeit massiv unterdrückt. Dies hatte viel
zu tun mit der Position des guatemaltekischen Militärs, dessen Mitglieder
während der Zeit des Bürgerkrieges tun konnten, was sie wollten. Sie
mussten keinerlei Sanktionen fürchten. Schwule und Lesben wurden von ihnen
eingeschüchtert, damit sie nicht an die Öffentlichkeit gingen. Die
Militärs haben uns über viele Jahre beigebracht, unsere sexuelle
Orientierung zu verstecken. Als der Krieg vorüber war, die
Friedensabkommen unterschrieben waren, nahmen wir an, dass die Bedingungen
für die sexuelle Vielfalt sich auch verbessern würden. Doch die Gewalt uns gegenüber verschlimmerte sich.
Was geschah dann in der Zeit unmittelbar nach dem Krieg?
Jorge:
Es gab zum Beispiel den Fall der Transgender María Conchita im Jahr 1997.
Zwei Soldaten vom guatemaltekischen Militär ermordeten sie auf der
Türschwelle von OASIS. Dieser Mord hat uns natürlich sehr erschüttert. Die
Presse griff uns an und die Kirche schimpfte, dass die Abnormalen jetzt
heraus kämen. Die Polizei nahm Transgender und Transvestiten fest, die als
Teil unserer Bewegung gegen Morde und Diskriminierung protestierten. Sie
wurden eingesperrt, gefoltert und vergewaltigt. Die Morde an Leuten aus
der LGBT-Community wurden viel systematischer.
Wie sieht die gesellschaftliche Situation der LGBT-Community heutzutage aus?
Jorge:
Zulma sagte vor ein paar Tagen etwas sehr Interessantes: Sie kann das Haus
verlassen, die Menschen schauen sie an und jemand sagt vielleicht, „Oh,
wie schön sie aussieht“. Aber diese Gesellschaft ist heuchlerisch. Es gibt
keine Bildung, und es gibt keine Arbeit für Menschen, die in der
Öffentlichkeit zu ihrer sexuellen Orientierung stehen. Und selbst wenn man
diese erstickende Stimmung etwas weniger wahrnimmt, ist die offene Gewalt
in den Straßen uns gegenüber so groß. Laut einer Studie von OASIS haben 80
Prozent der LGBT-Community Angst davor, als schwul oder als lesbisch
identifiziert zu werden.
Welche Rolle spielen Regierung, Militär und Polizei in der gegenwärtigen
Situation?
Jorge:
Die Regierung tut so, als gebe es keine Probleme. So muss sie keine
Lösungen finden. Würde die Regierung sich des Problems annehmen, müsste
sie Stellung beziehen, was vielen PolitikerInnen nicht gerade dabei helfen
würde, Stimmen bei der nächsten Wahl zu gewinnen. Also ist es egal, ob die
Polizei eine Transgender auf der Straße umbringt, die ja sowieso ein
Mensch war, der nichts wert war, ein verhasster Mensch, ein Mensch ohne
Ausbildung, eine Person, die in den Augen der Gesellschaft nichts
Interessantes zum Staat beitrug. Also warum sollte es die Regierung
kümmern, dass dieser Mensch umgebracht wird? Ich glaube nicht, dass
Präsident Álvaro Colom uns umbringen will. Aber es werden auch keine
Maßnahmen ergriffen, damit unsere Leben geschützt werden.
Wieso äußert sich Präsident Colom nicht in dieser Weise?
Jorge:
Es sind religiöse Vorurteile, die Colom auch öffentlich ausdrückt.
Kardinal Rodolfo Quezada Toruno (Erzbischof von Guatemala-Stadt, Anm.d.
Red.) ist vor einiger Zeit aufgetreten und hat gesagt, dass wir
Homosexuellen Respekt verdienen, aber niemals heiraten dürfen. Und nachdem
der Kardinal das gesagt hatte, sagte Álvaro Colom, bevor er 2008 das
Präsidentenamt antrat, dass Gott Adam und Eva und nicht Adam und Estéban
geschaffen habe. So kreieren sie die Grundlage für eine Situation, in der
es Tote gibt, in der es Menschen gibt, die keine Arbeit haben.
Gibt es für Sie einen Zusammenhang zwischen Machismus und Homophobie bzw.
der Diskriminierung der LGBT-Community im Allgemeinen?
Jorge:
Der Machismus versucht, die Männer auf eine privilegierte Position zu
stellen und all das herabzuwürdigen, was nicht männlich ist. Männer und
Frauen sind Opfer des Machismus. Ein Mann, der seine Privilegien als Mann
abgibt, wird als etwas angesehen, das nichts wert ist. Und eine Frau, die
versucht, als männlich angesehene Rollen anzunehmen, wird sofort
beschränkt. Ihr Verhalten wird als Herausforderung der gesellschaftlichen
Normen betrachtet. Dies führt zu ganz unterschiedlichen Umständen für
schwule Männer oder Transgender von Mann zu Frau und für die lesbischen
Frauen, Bisexuelle die Transgender von Frau zu Mann.
Zulma, Ihre Freundin Paulina wurde Opfer einer außergerichtlichen
Hinrichtung. Sie wurden bei dem Mordanschlag schwer verletzt. Wie hat sich
Ihr Leben seitdem verändert?
Zulma:
Mein Leben hat sich überhaupt nicht verändert. Im Gegenteil, ich habe
immer mit der Verfolgung gelebt. Ich habe ein Leben gelebt, betrogen um
meine Freiheit. Es ist keineswegs einfach gewesen. Doch war der Anschlag
für mich etwas so Abscheuliches, dass ich bisher noch nicht darüber hinweg
gekommen bin.
Der Mord an Paulina ist kein Einzelfall. Wie wird mit den Anzeigen
normalerweise umgegangen?
Zulma:
Der Staat tut nichts, um die Morde aufzuklären. Sie halten die Beweise
zurück und versuchen, sie nicht öffentlich zu machen.
Haben Sie Anzeige erstattet?
Zulma:
Jorge hat alle entsprechenden Schritte unternommen. Ich war damals im
Krankenhaus. Von dort musste ich nach zwölf Tagen flüchten, weil sie nicht
zugelassen haben, dass ich dort wieder gesund werde. Also musste ich an
einen privaten Ort fliehen, wo ich anderthalb Monate geblieben bin. Später
wurde ich in ein anderes privates Versteck gebracht, wo ich zwei Jahre
verbrachte, in denen ich ausschließlich telefonischen Kontakt zu meiner
Familie haben konnte. Jetzt bin ich wieder nach Hause zurück gekehrt. Die
Regeln sind aber immer noch die gleichen. Ich bleibe gezwungenermassen
eingeschlossen und führe praktisch ein rein privates Leben.
Gibt es in Ihrem Fall Fortschritte?
Zulma:
Es gab überhaupt keine Fortschritte bis vor ungefähr drei Wochen, als es
bei der Staatsanwaltschaft zu einem Personalwechsel kam. Einer der neuen
Staatsanwälte wollte sich darum kümmern, in dem Fall zu ermitteln. Er
ordnete an, dass ich angerufen werde. Ich sollte einige Polizisten
identifizieren, die am Tatort gewesen waren, und ich konnte einige
identifizieren. Sie sagten mir dann, sie würden weiter ermitteln und mich
wieder anrufen.
Mittlerweile begleitet Peace Brigades International (PBI) Sie in Ihrer
Arbeit, um internationale Öffentlichkeit und damit mehr Sicherheit für Sie
zu gewährleisten. Wie kam es dazu?
Jorge:
Indem wir die Mordfälle aufrollen, sind wir einer extremen Gefährdung
ausgesetzt. Der Fall von Paulina und Zulma hat einen besonderen Aspekt, da
Paulina Menschenrechtsaktivistin war. Wäre sie dies nicht gewesen, wie
viele der anderen vorher ermordeten Personen, hätte niemand außer OASIS
öffentlich darüber gesprochen. Wir fingen noch in der Mordnacht an, Briefe
zu schreiben, um international Alarm zu schlagen, dass eine
Menschenrechtsaktivistin außergerichtlich hingerichtet worden war. Alarm
geschlagen haben wir auch wegen der vielen anderen Morde. Wir haben
Trauermärsche und Demonstrationen veranstaltet. Aber erst als die Welt
mitbekam, dass es eine Menschenrechtsaktivistin war, die außergerichtlich
hingerichtet worden war, erhielten wir Aufmerksamkeit. Wir konnten so das
Interesse von Amnesty International wecken. Und PBI haben uns in
solidarischer Weise die Begleitung gewährt, um die wir als
MenschenrechtsaktivistInnen gebeten hatten, um so den Spielraum für unsere
Arbeit zu garantieren und unsere Leben zu erhalten.
Wie ist die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und
Transgendern in der aktuellen gesellschaftlichen Situation des Landes zu
verorten?
Jorge:
Die Diskriminierung, unter der wir wegen unserer sexuellen Orientierung
leiden, ist nur die Spitze eines ganzen sozialen Problems. Dessen Wurzeln
liegen im vergangenen Bürgerkrieg, in der Korruption der Regierung. Und
wenn die Menschen Blut auf den Straßen von Guatemala sehen, durchleben sie
wieder jene Psychose des Bürgerkrieges. Es ist nötig, menschliche
Entwicklungsprozesse in Gang zu bringen, in denen wir uns von all diesen
Spuren des Krieges und der sozialen Ungleichheiten befreien können und
lernen, uns als Personen wertzuschätzen. Wir müssen verstehen, dass auch
die eigene Lebensqualität besser sein wird, wenn sich die des Nachbarn
oder der Nachbarin verbessert.
Weitere Infos: www.geocities.com/oasiseduca
www.pbi-guatemala.org
Das obige Interview war bereits in den Nachrichten in Lateinamerika erschienen.
KASTEN:
Zu den Personen
Jorge López ist Gründungsmitglied und Direktor von OASIS (Organisation zur
Unterstützung einer integralen Sexualität um AIDS entgegenzutreten), Zulma
Robles arbeitet ehrenamtlich für die Organisation. OASIS startete 1993 als
Selbsthilfeprojekt, beschäftigte sich anfänglich mit HIV/AIDS-
Präventionsarbeit und unterstützt LGBT Sexarbeiter.




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