Wie kommt es, dass eine Institution, die den Namen Alice Salomons trägt, statt einer partizipativen kritischen Ausbildungsstätte ein normierender neo-liberaler Truppenübungsplatz ist? Und dies trotz des Fakts, dass das Tätigkeitsfeld der Sozialen Arbeit ohnehin vielfach über den gesellschaftlich erzeugten Myhos der „Ausgemusterten“ legitimiert wird. Genießen wir einen Blick in die Wirklichkeit des Studiums der Sozialen Arbeit heute.
Soziale Arbeit ist ein Politikum und muss politisch sein. Heutzutage klingt eine solche Aussage wie eine Kampfansage, dabei sollte sie eine Selbstverständlichkeit sein. Doch um an unserer Hochschule Inhalte zum Thema Politische Soziale Arbeit zu finden, bedarf es traurigerweise eines einstündigen Gast-Vortrags.
Die wohlgeformte akkreditierte Regelstudienzeit und ihre Inhalte werden von einem Machtkampf der Fremddisziplinen bestimmt. Vor diesem Hintergrund scheint ein ausgebildeter Sozialarbeiter wie ein Glas, das gefüllt von ein bisschen Soziologie, Politologie, etwas Psychologischem und Medizinischem, einem Schuss Jura und vielen Oberstufen-Ethik-Diskussionen aus der Hochschule entlassen wird. Dieser Schwerpunkt der Ausbildung vermittelt schon während des Studiums: Ein bisschen von allem, nichts richtig. So definiert sich das Selbstverständnis des Sozialarbeiters als Stückwerk anderer Fachrichtungen, die Professionalität gründet sich auf dem Boden einer besseren Allgemeinbildung. Dies hat zum Ergebnis, dass der Sozialarbeiter als Putzfrau eben dieser Fachrichtungen in Erscheinung tritt - ist etwas verschüttet worden, wird nach dem Sozialarbeiter geklingelt. Ein Miteinander auf Augenhöhe scheint undenkbar.
Diese Art der Ausbildung so wie der danach folgende Arbeitsalltag zeigen deutlich, dass die Adressaten, die Arbeitsfelder, die Handlungsmethoden und die Finanzierung der Sozialen Arbeit größtenteils fremddefiniert sind. Ein Grund für diesen Zustand lässt sich darin finden, dass die Soziale Arbeit es bislang versäumt hat eine eigene Definition zu finden und dieser eine Stimme zu geben. Etablierte Wissenschaftsrichtungen müssen vermeintlich angenommen werden, um die Soziale Arbeit zu professionalisieren. Und auch in der Weiterführung des Studiums in den Master-Studiengängen wird deutlich: Sozialmanagement, Klinische Sozialarbeit oder Forschungsschwerpunkte bewegen sich bereits in der Ausbildung nur hin zu anderen Fachrichtungen. Der Weg zu einem kritischen Selbstverständnis und einer daraus resultierenden selbst bestimmten Definition der Sozialen Arbeit wird durch diesen Fokus bestenfalls hart und steinig.
Diese Maxime formt unser Curriculum des Burn Out. Es reicht scheinbar nicht durch den ökonomistischen Charakter des Bachelor-Studiums einen ständig leistungserbringenden und angepasst zielfixierten Menschen zu erschaffen. Zudem wird ein gedanklich leerer Fließbandarbeiter konstruiert, der unter dem Vorzeichen einer nicht ausreichenden Professionalisierung in die Sinnlosigkeit eines beruflichen Alltags entlassen wird, welcher durch fremde Maßstäbe und dadurch eingeschränkte Handlungsspielräume gekennzeichnet ist.
Die Gefahr dieses Drills zeigt sich in folgendem Gedankenspiel: Die Inhalte des Studiensystems formen das Denken und Handeln. Das Produkt Bachelor-Absolvent wird zum Wirtschaftlichkeitsfaktor. Bestenfalls sieben Semester unter dem neoliberalen Wirtschaftsdiktat erzeugen angepasste, unkritische Staatssystem-Moraliker, die die gelernte Denke in den Arbeits-Alltag übernehmen und die zukünftigen Adressaten in den übernommenen Drill einpassen.
Damit diese realitätsnahe Skizze zukünftig als Kassandra-Ruf abgetan werden kann, muss das Studium Ausgangspunkt einer durch Differenzierung und fachliche Eigenständigkeit gebildeten sozialarbeiterischen Identität werden. Rahmen und Inhalte, die nicht vornormierte Statuten widerspiegeln, sondern eine kritische Haltung zu bestehenden Vorstellungen fördern, müssen der Kernpunkt der Ausbildung sein. Lernen durch Denken.
In diesem Zusammenhang müssen nicht nur die Curriculae, sondern auch die Dozenten auf einen Prüfstand gestellt werden. Dass dies nicht auf der Basis einer nur dem Schein nach studentischen Mitbestimmung über das Instrument der Lehrevaluation geschehen kann, liegt auf der Hand. Denn bei dieser Farce handelt es sich um nichts weiter als Augenwischerei, die durch Vorgaukeln objektiver Bewertung einem System Vorschub leistet, dass die Grabenkämpfe zwischen Studierenden und Lehrenden nur verstärkt, anstatt Zusammenarbeit zu fördern.
Unter dem Deckmantel einer „Optimierung der Lehre“ zugunsten der Studierenden wird ein krudes Instrument des Neo-Liberalismus zum Einsatz gebracht, das kaum weiter entfernt von dem hochtrabenden Leitbild unserer Hochschule sein könnte. Es sind nicht nur die Studenten, die hier in die herrschende Disziplinierung eingepasst werden, es sind auch die Lehrenden. Dozenten, die so wenig geschätzt werden wie wir zukünftige Sozialarbeiter: Geld gibt es nur für die nackten Unterrichtsstunden, alles Weitere obliegt dem persönlichen Engagement. Doch das perfide Ende kommt noch: Ein Bonus als Teil des Arbeitsvertrags wird nur an solche Dozenten ausgeschüttet, deren Lehrevaluation positive Wertungen erbringt.
Wie der Studierende soll auch der Lehrende seine Tauglichkeit steigern, seine Fähigkeiten erweitern und somit ökonomisch nutzbarer werden. Gemessen an dem Instrument der Evaluation wird eine Norm festgelegt, Abweichung im definiert negativen Sinne wird über monetären Ausfall bestraft. Durch die Überwachung der „Freiheit der Lehre“ wurde ganz im Sinne der an unserer Hochschule herrschenden Politik eine Möglichkeit geschaffen, die Dozenten zu vergleichen und somit zu vereinheitlichen, gegebenenfalls sogar auszuschließen. So lässt sich feststellen, dass das einzige Ziel der Evaluation die Konformität der Lehrenden ist. Hier institutionalisiert sich ein System, dass sich erhält, in dem es sich nicht bewegt. Es sind die Menschen, die gehetzt werden und vor lauter Konformitätszwang und Angst aus der Norm zu fallen das Denken vergessen.
Die studentische Mitbestimmung in vornormierten Skalen ist somit als Scheinmanöver entlarvt. Und auch die anderen vermeintlich partizipativen Hochschul-Instanzen wie diverse Gremien sind nur noch Schemen eines demokratischen Systems, die sich höchstens durch Intransparenz auszeichnen. Und genau diese Entdemokratisierung des Hochschul-Systems führt dazu, dass die eigentlichen Protagonisten zu Marionetten werden, unfähig, sich einen tatsächlichen Handlungsspielraum und eine Selbstwirksamkeit überhaupt nur vorzustellen. Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen. Die Mitbestimmung der Studenten - vor allem an der Ausbildung einer kritischen Haltung, welche die so notwendige Wende bringt - muss der Ausgangspunkt sein.
Doch zurzeit bringt das System Hochschule mit einem Spagat über die Köpfe der Studierenden hinweg alle Mittel und institutionellen Hürden auf, um die Ausbildung handlungsbewusster und kritischer Sozialarbeiter zu verhindern. Dies führt das Studium der Sozialen Arbeit ad absurdum.




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