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Dienstag, 13. April 2010

ISAH - i) Wir machen jetzt mit (C. Höflich)

Von Conny Höflich 20.06.2009 / Menschen & Leben
Wir machen jetzt mit
Eine deutsch-türkische Seniorengruppe spielt Theater










Spaß daran, auf der Bühne zu stehen – Nyasi, Mihrican, Marianne, Karin (v.l.n.r.)
Foto: Conny Höflich
Was haben Inge, Fatma und Clemens gemeinsam? Sie sind Rentner und spielen mit elf weiteren Rentnern Theater. Nicht Shakespeare, sondern ihr Leben, in selbst entwickelten Stücken. Was sie trennt? Ihr Leben vor dem Theater.
Als ich das erste Mal eine Aufführung der »Bunten Zellen«, einer deutsch-türkischen Gruppe des Berliner Seniorentheaters »Theater der Erfahrungen«, besuchte, war ich begeistert von deren Professionalität, Aktualität und Humor. Keine Spur von »Altenbonus«, den hatten sie nicht nötig. In dem Stück »Allet janz anders – Hersey farklý« werden Geschichten deutscher und türkischer Kinder erzählt. Zum Beispiel von einem Berliner Mädchen, das 1943 allein nach Ostpreußen verschickt wird. Und von einem türkischen Mädchen, das 1973 allein in der Türkei zurückbleibt, weil die Mutter in Deutschland ein besseres Leben für die Familie aufbauen und ihren Töchtern eine Schulausbildung ermöglichen will. Geschichten, die so oder ähnlich Clemens, Ruth, Atiye, Marianne, Mihrican und Fatma als Kinder bzw. Mütter erlebt haben.
Wie entstehen solche Stücke? Unter Anleitung der gelernten Sozial- und Theaterpädagogin Johanna erarbeiten die Schauspielerinnen und Schauspieler sie selbst. Im Fall von »Allet janz anders – Hersey farklý« gab Johanna als formales Thema »Gemeinsamkeiten« aus. Clemens, Ruth, Atiye, Marianne, Mihrican und Fatma erzählten sich Begebenheiten aus ihrem Leben – vom ersten Schultag, der ersten Liebe, dem ersten selbstverdienten Geld –, brachten Fotos mit, malten »einen Platz in ihrer Kindheit« und spielten sich gegenseitig improvisierte Szenen vor. Johanna sammelte jene Szenen, die bühnenwirksam sein könnten, und verwob sie mit »ihrer Truppe« zu einem Stück.
Was sind die Voraussetzungen, um im »Theater der Erfahrungen« mitspielen zu können? Eine ist – Zeit. Die haben Rentner. Aber auch Arbeitslose, und gelegentlich, bei entsprechender Anpassung der Probentermine, auch in Teilzeit Arbeitende.
Karin
Foto: Conny Höflich

Einige der SpielerInnen gingen »pünktlich« mit 65 Jahren in Rente wie z.B. Ruth. Als sie bei ihrer Verabschiedung gefragt wurde: »Und, wat wirste jetzt machen?«, war das Staunen über die Antwort groß: »Theater spielen!«. Clemens dagegen ließ sich 1999 bereits mit 63 Jahren berenten. Warum? Zum einen wollte er noch etwas anderes in seinem Leben beginnen (was genau, wusste er damals noch nicht), zum anderen hatte er das Gefühl, »nicht mehr fit genug« in seinem Beruf zu sein. Die Aufgaben änderten sich viel schneller als früher, man sprach jetzt von »moving targets«, und dazu hatte er keine Lust mehr. Als Clemens dann das erste Mal in die Theatergruppe kam, fiel ihm der überdurchschnittlich hohe Anteil an Frauen auf, und er fragte: »Wo sind denn eure Männer?«. »Meiner ist tot«, »meiner sitzt nur vor der Glotze«, und »bei meinem ist beides, er sitzt vor der Glotze und sieht aus wie tot«, sagten die Frauen. Lange Zeit war er dann auch Hahn im Korb, aber inzwischen liegt der Männeranteil in den »Bunten Zellen« bei 30 Prozent.
Clemens war es, der mich darauf aufmerksam machte, was es bedeutet, eigene Stücke zu spielen. Bevor er zu den »Bunten Zellen« kam, besuchte er eine Seniorentheatergruppe, die klassische Autorenstücke einstudierte. Das fand er schrecklich, denn einer der Senioren war von Beruf Schauspieler gewesen und wusste immer, wie etwas besser zu machen sei. Bei den »Bunten Zellen« besitzt niemand eine fundierte Schauspielausbildung. Aber das Erarbeiten und Spielen eigener Stücke macht sie für das Publikum glaubhaft.
Der Name »Bunte Zellen« leitet sich aus der Zusammensetzung der Gruppe ab: Acht Mitglieder stammen aus Deutschland, sechs aus der Türkei. Alle türkischstämmigen leben seit über 30 Jahren in Deutschland. Ihre Migrationsgeschichten ähneln sich insofern, als dass sie fast alle vorhatten, lediglich für einige Zeit in Deutschland zu bleiben.
Cemal erzählt, er und seine Freunde wollten damals »viel Geld verdienen, wenig essen und dann zurückgehen: Der Körper war in Deutschland, der Kopf in der Türkei«. Dann wurden die Kinder geboren, gingen in einen deutschen Kindergarten, in eine deutsche Schule, man blieb, »bis die Kinder aus der Schule waren«, bis …
Fatma
Foto: Conny Höflich

Atiye sagt, die ersten 15 Jahre in Deutschland habe sie immer wie in einem Hotel gelebt und sei dem Land relativ fremd geblieben, mit den Jahren allerdings auch der Türkei fremd geworden (in der Türkei nennt man sie »Deutschländer«). Durch ihre Arbeit als Sozialarbeiterin lernte sie Johanna kennen und besuchte zusammen mit siebzehn türkischen Landsleuten vor vier Jahren eine Schnupperprobe des Theaters.
Durmus, Mihrican, Fatma und sie selbst blieben, und Durmus holte später Nyasi und Cemal dazu. Indem die »Bunten Zellen« autobiografische Stücke erarbeiten, findet Integration statt – die »türkische Seite« teilt sich den deutschen Spielern und dem deutschen Publikum mit, die »deutsche Seite« den türkischen Mitspielern und türkischen Zuschauern.
Viele erfüllen sich mit dem Seniorentheater einen alten Traum. Schon als Kinder wollten sie Schauspieler werden. Marie-Luise zum Beispiel, deren Vater damals jedoch »nein« zu ihrem Vorhaben sagte. Sie war eine »brave« Tochter und wurde Lehrerin – unter anderem für »Spiel- und Theaterpädagogik«. Im Nachhinein ist sie, wenn überhaupt, weniger ihrem Vater als sich selbst »böse« darüber, ihrem eigentlichen Wunsch nicht schon damals vehementer nachgegangen zu sein. Auch Inge hätte sehr gern schon früher auf einer Bühne gestanden, aber »es ging nicht anders«, und sie war auch gern Mutter und für ihre Familie da. Umso schöner, »dass das jetzt noch möglich ist«. Neben dem Spielen reizen sie an der Theaterarbeit aber auch die sozialen Kontakte – »wo ich jetzt überall herumkomme«.
Für Durmus war das Theaterspielen während der Schulzeit eine Möglichkeit, trotz der Armut seiner Familie von den Lehrern beachtet zu werden. Und auch Nyasi spielte bereits als Kind Theater, als Kino und Fernsehen noch nicht in seinem Dorf Einzug gehalten hatten.
Nyasi
Foto: Conny Höflich

Das Verhältnis in der Gruppe ist sehr herzlich. Was jedoch nicht heißt, dass es immer friedlich und harmonisch zugeht. Bei den Proben kann es leicht passieren, dass man einander »anschnauzt«. Aber das geht schnell wieder vorbei. »Wenn man immer nur liebenswürdig ist, wird das Stück zu lang«, meint Marianne und fügt hinzu: »Du traust dich dann ja nicht, den anderen zu kritisieren, vor lauter Liebenswürdigkeit«.
Clemens erwähnt, warum es manchmal geradezu wohltut, zu »schnauzen«: Man darf jetzt, kann es sich leisten. Früher, im Berufsleben, musste man Hierarchien beachten, »Männchen machen« oder »Recht haben müssen«, Dinge, die mit dem Alter wegfielen und die ein Grund dafür sind, dass Clemens sein Alter als »selbstwertige Jahreszeit« und nicht wie früher als »Zeit des Abgangs« empfindet. Er möchte die vergangenen zehn Jahre nicht gegen seine Jugend eintauschen.
Diese Erfahrung eint sie: nicht alt zu sein im Sinne von abgestellt, fertig, am Ende. Und doch ist das Projekt nicht der Versuch, das Alter(n) zu überlisten. Krankheiten und der Tod von Mitgliedern begleiten die Gruppe. Karin sagt: »Es ist klar, dass man sich in unserem Alter immer wieder auch auf Beerdigungen trifft.« Es geht nicht darum, das Alter(n) zu verleugnen, vielmehr darum, seine Qualitäten zu erarbeiten und darzustellen. Niemand hier bemüht sich »gewollt« um ein jugendliches Aussehen. So hat Inge, die mit 79 Jahren derzeit älteste Spielerin, wunderbares weißes Haar und lässt es sich nur deshalb gerade wieder lang wachsen, »weil man doch mehr mit langen Haaren machen kann«.
Das Publikum der »Bunten Zellen« ist sehr gemischt. Kamen Anfragen früher vor allem von Alten- und Pflegeheimen, kommen heute auch zunehmend solche von Schulen oder Kieztreffpunkten. Und sie spielen auf Theatertourneen, die sie 2007 bis nach Griechenland führten.
Inge
Foto: Conny Höflich

Nicht selten befinden sich Freunde und Angehörige im Publikum, die dann auch als Kritiker fungieren. Wenn möglich und gewünscht, entwickelt sich nach der Vorstellung eine Diskussion mit dem Publikum. Manchmal erfahren die Protagonisten indirekt, wie ihr Stück ankam, so zum Beispiel beim Mithören eines Gesprächs auf der Toilette: »Mann, war’n die gut!«
Wie reagieren die Familien darauf, dass »Oma« oder »Opa« einen gefüllten Terminkalender haben? Die jüngeren Generationen finden es oft ziemlich »cool«. Der Sohn von Atiye freute sich für seine Mutter, tut sie doch mit dem Theaterspielen etwas für sich, während sie sonst nur für andere da war bzw. Geld verdienen musste. Ältere und Altersgefährten sehen das teilweise anders. Marie-Luise wurde in einer besonders probenintensiven Zeit zum Beispiel von ihrer Mutter gefragt, ob sie überhaupt noch verheiratet sei. Ruth räumt ein, dass ihr Lebensgefährte wegen ihrer Theaterleidenschaft oft verzichten muss: »Früher wollten wir als Rentner viel verreisen, jetzt verreise ich mit dem Theater«.
Haben sie Angst vor den Auftritten, Angst vor Versagen? Karin nicht, sie kann Fehler hinter sich lassen und weiß, dass die anderen notfalls einspringen. Eher erlebt sie einen riesigen Adrenalinstoß und eine unerhörte Konzentration vor der Aufführung. Danach dann ein Abfallen der Spannung und große Müdigkeit. Aber das sei gut so. Ruth dagegen beschäftigt sich sehr lange mit Fehlern, die ihr unterlaufen, hat schlaflose Nächte, ärgert sich über sich selbst und fragt sich: »Warum tust du dir das an?« Ja, warum?, frage ich. Das Gefühl, versagt zu haben, schwächt sich mit der Zeit ab, wird durch neue Eindrücke verdrängt, relativiert sich und verliert seine Bedeutung. Und die Vorteile des Spielens, lernfähig zu bleiben, neue Einsichten zu gewinnen, sich
auszudrücken und der Applaus nach einer guten Aufführung sind einfach wunderbar.
Um die Kräfte dieses »Wunderbaren« wissen auch Nicht-Theater-Fachleute. Bei Karin wurde im Sommer des vergangenen Jahres Brustkrebs diagnostiziert. Die Reaktion der behandelnden Ärzte auf ihr Theaterspielen: »Was machen Sie, Theater spielen? Na, da haben Sie ja beste Heilungschancen.« Und als Karin nach der Operation fragte, ob es möglich sei, mit der Bestrahlung erst nach einer Theatertournee zu beginnen: »Fahren Sie, gute Frau, fahren Sie!«.

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