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Dienstag, 13. April 2010

ISAH - m) Illegal in Spanien (Sita)

Illegal in Spanien – Auf der Suche nach einer besseren Zukunft

Was erwarten so viele junge Afrikaner von Europa, die eine oft lebensgefährliche Reise auf sich nehmen? Was sind die Gründe, ihre Familien und ihre Herkunft zu verlassen und in die Fremde zu gehen? Welche Hindernisse mussten sie auf sich nehmen, um ihren Kontinent zu verlassen? Wie war die Reise um nach Spanien zu gelangen? Wie leben sie hier in Spanien und was sind ihre Wünsche und Ziele?
Ich habe mich mit diesen Fragen beschäftigt, da ich im Rahmen des Erasmus-Austauschprogrammes ein Auslandssemester in Südspanien (Huelva) absolviert habe und währenddessen die Möglichkeit hatte, in einem Praktikum bei der NGO „Accem“ mehr über diese Thematik zu erfahren. „Accem“ beschäftigt sich mit den Bedürfnissen von Flüchtlingen und illegalen Einwanderern in unterschiedlichen Bereichen.
Spanien gilt für viele Afrikaner als das „Tor Europas“, da die beiden Kontinente ganz im Süden von Spanien nur 14 km trennen. Im Stadtbild von Huelva sieht man, im Vergleich zu deutschen Städten viele Afrikaner, die an den Ampeln Taschentücher und Schmuck in der Innenstadt verkaufen oder mit Koffern am Bahnhof sitzen, wo sie auch übernachten.
Die Wege, über die meist West- und Nordafrikaner nach Spanien kommen sind unterschiedlich. Einige kommen legal mit einem Arbeitsvisum. Sie bekommen die Reisekosten und den Unterhalt von den Arbeitgebern bezahlt und arbeiten als Saisonarbeiter meist für 3 Monate in der Landwirtschaft. Die Arbeitsverträge werden durch Vermittler der spanischen Arbeitgeber in den Herkunftsländern unterzeichnet.
Spanien ist auf diese Arbeiter angewiesen, weil die meisten Spanier nicht die harten Arbeitsbedingungen auf sich nehmen wollen. Auf den Erdbeerplantagen in Huelva arbeiten sie z.B. 8 Stunden am Tag an 6 Tagen die Woche und bekommen pro Tag 35 Euro bezahlt. Nach 3 Monaten haben viele von ihnen körperliche Beschwerden.
Viele gehen nach diesen 3 Monaten nicht wieder zurück in ihr Land und lassen den bezahlten Rückflug verstreichen. Sie haben dann keinen gültigen Aufenthaltsstatus und keine Arbeitsgenehmigung. Im nächsten Jahr ist es sehr schwierig wieder eine Arbeit zu finden, da die Polizeikontrollen immer mehr werden und die Bußgelder für Arbeitgeber sehr hoch sind, welche Arbeiter ohne Genehmigung beschäftigen. Sie landen auf der Straße und haben keinerlei Ansprüche auf soziale Leistungen, abgesehen von der medizinischen Versorgung.
Ein weiterer Weg nach Spanien zu kommen, ist der weitaus gefährlichere mit den sogenannten „cayucos“ (Fischerbooten). Von der Westafrikanischen Küste legen sie ab und treten eine lebensgefährliche Reise zu den Kanarischen Inseln an. Viele kommen dabei ums Leben oder werden von der europäischen Grenzwache „FRONTEX“ daran gehindert anzukommen. Für die Reise auf den „cayucos“ müssen die Familien oft lange sparen und ihr Hab und Gut verkaufen. Die Schlepper, welche eine solche Reise organisieren, werben mit einem Bild von großen Chancen im „goldenen Europa“. Sogar Kinder im alter von 8 – 16 Jahren sind mit an Bord und werden nach Europa geschickt, weil die Familien die Hoffnung haben, aus der Armut zu entfliehen. Minderjährige stehen unter dem besonderen Schutz vom spanischen Staat. Sie kommen in ein Kinderheim, gehen zur Schule, bekommen eine Ausbildung und können nicht ohne weiteres ausgewiesen werden. Wenn sie mit 18 nicht die Bedingungen für einen Aufenthaltsstatus erfüllen, droht ihnen ebenfalls die Abschiebung und sie können „illegal“ werden.
Ein weiterer Weg, nach Spanien zu gelangen, ist der Weg über Marokko. Einige versuchen selbst mit kleinen Booten oder auch schwimmend nach Spanien zu gelangen. Andere verstecken sich in den Motoren der LKWs, die an den Häfen von Marokko stehen und mit den Schiffen nach Spanien transportiert werden. Auch diese Reise ist lebensgefährlich, da man genau wissen muss, wo man sich verstecken kann.
Wenn die Immigranten von der spanischen Polizei auf der Straße angehalten werden und nach ihren Papieren gefragt werden, droht ihnen die Abschiebung. Mit manchen Ländern, wie zum Beispiel Marokko, hat Spanien ein Rücknahmeabkommen und sie werden direkt wieder in ihr Herkunftsland gesendet. Je weiter die Herkunftsländer entfernt sind, desto unwahrscheinlicher ist eine Abschiebung, aufgrund der hohen Kosten für die Flüge.
Die Beweggründe, nach Europa zu kommen, ob mit einem Visum oder illegal, sind im Prinzip alle die gleichen. Auf der Suche nach einer besseren Zukunft und auf der Flucht vor den dortigen Verhältnissen. Im Vordergrund steht für sie alle, eine Arbeit zu finden und Geld zu verdienen. Die Hoffnung, in Europa ihr Glück zu finden und Wohlstand zu erlangen, wird von verschiedenen Seiten geschürt. Auch in den afrikanischen Medien wird berichtet, dass eine Fahrt mit den „cayucos“ oft mit dem Tod endet. Viele sagen: „Ich dachte in Europa kann man das Geld von der Straße pflücken“.
Dass sie ohne Papiere, ohne eine Arbeitsgenehmigung, ohne Aufenthaltserlaubnis und auch ohne eine Ausbildung auch hier keine Arbeit finden, ist vielen vorher nicht klar. Die Seifenblase des Traumes ist zerplatzt und die Realität, die sie dann erleben, ist sehr hart. Diejenigen, die erst eine Arbeit hatten bemerken, dass sie ohne Aufenthaltserlaubnis keine mehr finden. Sie landen auf der Straße, beziehen leerstehende, einsturzgefährdete Häuser, schlafen an Bahnhöfen und versuchen sich irgendwie über Wasser zu halten. Diejenigen, die ohne Arbeitsvisum kommen, landen auch auf der Straße und haben Angst von der Polizei erwischt zu werden. Sie wissen nicht, wie sie sich in der unbekannten Kultur verhalten sollen, kennen ihre Rechte nicht und können sich kaum verständigen. Es gibt in den ländlichen Gegenden von Andalusien viele Siedlungen, in denen sie in Hütten leben. Mit Plastikplanen, Brettern und allem was man so finden kann bauen sie die Hütten, kochen auf offenem Feuer und transportieren Wasser in großen Kanistern von umliegenden Leitungen.
Als psychologischer Stressfaktor kommt für viele noch hinzu, dass die Familien enormen Druck aufbauen. Sie glauben nicht, dass es keine Arbeit gibt und denken, das Geld wird für das eigene Vergnügen ausgegeben. Der Stolz der meisten Afrikaner, die ich getroffen habe, untersagt ihnen aber auch, der Familie ihre wirkliche Situation zu schildern. Außerdem wollen sie nicht, dass sich ihre Mütter unnötig Sorgen machen. So versuchen sie ein Bild aufrecht zu halten, welches nicht der Wahrheit entspricht und auch nicht das Bild von Europa gerade rückt.
Es kommen nur diejenigen in ihre Heimat zurück, die das Glück hatten Arbeit zu finden. Sie müssen meist sehr lange für den Flug und Geschenke für die Familie sparen. Dass sie in Spanien vielleicht nur gerade so über die Runden gekommen sind und gar nicht zu den großen Gewinnern gehören, verstehen die Familien nur selten. Es heißt dann: „ Du hast ein Auto, Du hast eine Arbeit also bist Du auch reich“. Verglichen mit den dortigen Verhältnissen stimmt das natürlich auch. Für die nächste Generation bleibt das Bild vom reichen und erfolgversprechenden Europa mit einem direkten Vorbild bestehen und man denkt sich: „Wenn er es geschafft hat, kann ich es doch auch schaffen.“ Das bei dieser Reise so viele ums Leben kommen oder nie eine richtige Arbeit finden wird dabei ausgeblendet.
Trotz der schwierigen Lage, in der sich die Afrikaner in Spanien befinden, habe ich kaum einen getroffen, der wirklich zurück will. Sie sind die Hoffnung der ganzen Familie. Wenn sie nicht ausgewiesen werden bleiben fast alle, verhalten sich unauffällig und warten auf ihre Papiere. Nach der jetzigen rechtlichen Lage können sie nach 3 Jahren illegalem Aufenthalt eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für ein Jahr bekommen. Sie benötigen dazu unter anderem einen Arbeitsvertrag, einen Nachweis über die Dauer ihres illegalen Aufenthalts und einiges mehr. Bei vielen scheitert es allein bei dem Nachweis über ihren Aufenthalt, da sie nie registriert worden sind. Die Hoffnung aber doch irgendwann einmal die nötigen Papiere zu bekommen und Geld zu verdienen bleibt sehr lange bestehen. Nach einer gewissen Zeit in Spanien wird ihnen auch bewusst, dass sie gar nicht mehr in Afrika leben könnten. Sie sagen, es gibt dort noch weniger Zukunft für uns als hier in Spanien. Sie träumen weiter und denken, wenn sie erst nach Deutschland kämen, wo es genug Arbeit für alle gibt, dann wird alles besser…
Interview mit Bathi, einem Immigranten aus Senegal
Ich kenne Bathi von der NGO „Accem“, in welcher ich mein Praktikum absolviert habe. Er lebt dort mit 5 anderen für 3 Monate in einer Wohnung für illegale Immigranten. Dort bekommt er ein kleines Taschengeld, Verpflegung und Hilfe von sozialpädagogischer sowie juristischer Seite. Nachdem ich die Bewohner dieser Wohnungen etwas kennen gelernt hatte, habe ich sie gebeten, mir mehr über ihre Geschichte zu erzählen.
Bathi ist 26 Jahre alt und ist in Dakar, der Hauptstadt von Senegal, geboren. Vor 2 ½ Jahren ist er mit dem „cayuco“, auf den Kanarischen Inseln angekommen. Er hat eine sehr große Familie, sein Vater hat insgesamt 13 Kinder von 2 Frauen. Der Vater lebt zusammen mit seinen Frauen und einigen der Kinder in einem Haus in Dakar. Einer der Söhne ist nach England gegangen und hat dort eine Deutsche geheiratet. Er hilft der Familie wenn er kann. Früher hat er auch Bathi Geld gegeben. Wenn Bathi selbst etwas Geld hat, schickt er es sofort nach Hause. In Senegal hat Bathi als Fischer etwas außerhalb von Dakar gearbeitet. Diese Arbeit war nicht zum reich werden, aber auch nicht sehr schlecht.
  • Bathie, wie hast Du das erste mal von der Möglichkeit erfahren im „cayuco“ nach Spanien zu kommen?
Bathie: " das hab ich schon vorher gewusst, aber mehr oder weniger 2 Jahre vor der Abreise hab ich darüber nachgedacht, nach Europa zu gehen und mein Glück dort zu suchen."
  • Wie war Dein Bild von Europa und was hast du Dir von Deinem Leben hier erwartet?
Bathie: "ich dachte, ich könnte hier arbeitet finden. Außerdem wollte ich die Weißen kennenlernen um zu wissen, wie die sind. Ich wusste, dass es auch in Europa Arme gibt ich dachte aber es wäre leichter, Arbeit zu finden. Ein Freund von mir, der jetzt in Madrid lebt und eine Arbeit hat, hat mir empfohlen zu kommen. Die Leute sagen immer, dass Europa zum Leben sehr gut ist.
  • Wie lange hast Du Deine Reise im „cayuco“ geplant und wusste Deine Familie davon?
Bathie:"Ich musste 2 Wochen warten bis das „cayuco“ startklar war und wir ausreichend Personen waren. Einige Tage vor meiner Reise habe ich meinen Vater und meinen großen Bruder um Erlaubnis gebeten, gehen zu dürfen. Ich habe nicht mit meiner Mutter gesprochen, weil die zu besorgt war. Mein Vater wollte, dass ich gehe, um der Familie zu helfen."
  • Wie viel hat die Reise gekostet und wie hast Du diese bezahlt?
Bathie: " Für einige kostet die Reise nichts, viele nehmen ein schlechtes Boot und sterben auf dem Weg. Ich habe 45000 CFA bezahlt, was mehr oder weniger 70 Euro sind. Andere bezahlen bis zu 1000 Euro. Meine Familie hat mir geholfen, die Reise zu bezahlen."
  • Wie viele Menschen waren mit Dir an Bord?
Bathie:" Wir waren 84 Personen in einem sehr kleinen Boot, alle sitzend, ganz eng beieinander. So haben wir geschlafen, gegessen und gewartet anzukommen.“
  • Wie lange hat die Reise von Senegal auf die Kanarischen Inseln gedauert?
Bathie:" 9 Tage im „cayuco".
  • Was ist während der Reise passiert, hattest Du Angst?
Bathie: " Es gab einen sehr starken Wind und es war sehr, sehr kalt. Ich hatte keine Angst, weil ich das Meer von meiner Arbeit kenne, aber andere hatten große Angst. Sie kennen das Meer nicht und konnten nicht in Richtung Meer blicken und sich nicht bewegen. Sie konnten nicht essen und nicht zum urinieren gehen, weil ihre Angst so stark war. Bei uns im Boot ist keiner gestorben, aber als wir ankamen sind 2 Männer gestorben. In anderen Booten sind 4 Freunde von mir ums Leben gekommen, man hat sie einfach über Bord geworfen… ich weiß, dass diese Reise sehr gefährlich ist."

  • Hättest Du die Reise gemacht, wenn Du gewusst hättest, wie gefährlich sie ist?
Bathie:" ich habe vorher gewusst, dass viele Menschen sterben, weil ich es im Fernsehen gesehen habe. Aber weil so viele Freunde von mir gefahren sind, wollte ich auch gehen und mein Glück in Europa versuchen."
  • Wo seid ihr angekommen und was ist danach passiert?
Bathie: " Wir sind auf den kanarischen Inseln gelandet, in Teneriffa. Dort sind wir in einem centro für 20 Tage geblieben. Andere bleiben länger, bis zu 40 Tagen.
  • Wie war es dort, wie waren die Menschen die dort arbeiten, hattest Du Essen?
Bathie:" Ja, wir hatten alles. Die Menschen, waren sehr freundlich zu uns und die Polizei hat Karten mit uns gespielt. Ich habe mit 6 Personen in einem Zimmer geschlafen. Es gab auch essen und ein Telefon, um seine Familie anzurufen. Das hat aber Geld gekostet."
  • Wo bist Du nach Teneriffa hingekommen?
Bathie: "Wir wurden nach Madrid geschickt, wo wir eine Woche in einem Hotel geschlafen haben. Die Mehrheit von uns hatte keinen Pass, weil sie ihn über Bord geworfen hatten. So ist es für die Polizei schwieriger, Dich in Dein Herkunftsland zurück zu schicken. Nach der Zeit in Madrid haben sie uns für 10 Tage nach Valencia geschickt, dort hat die Polizei uns Glück gewünscht und wir konnten gehen. Ich bin nach Bilbao gegangen, weil dort ein Freund meiner Schwester lebt. Dort konnte ich 2 Monate leben und essen. Sie waren sehr freundlich zu mir, aber ich wollte nicht länger dort bleiben ohne etwas zu bezahlen. Ich habe angefangen, Filme auf der Straße zu verkaufen aber die Polizei hat mir das dann verboten. Ich wollte mein Glück suchen und bin nach Barcelona gegangen. Dort habe ich eine Woche auf der Straße gelebt und im Dreck geschlafen. Ich habe einen Landsmann aus Senegal getroffen und konnte in seiner Wohnung für 150 Euro bleiben. Das Geld hatte mir der Freund aus Bilbao gegeben. Ich habe dann in Barcelona Sonnenbrillen verkauft. Dann bin ich nach Murcia umgezogen und habe auf Orangenplantagen gearbeitet. Mal hatte ich eine Arbeit, mal nicht…
  • Wann hast Du das erste Mal von den NGOs erfahren, um nach Hilfe zu bitten?
Bathie: “ Das war in Valencia als ich zum zweiten mal dort war. Dort habe ich das „Rote Kreuz“ kennen gelernt und danach in Huelva „Accem“.
  • Wie geht es Dir momentan, hast Du Arbeit?
Bathie: “Momentan ist es sehr schwierig, Arbeit zu finden, wenn man keine Papiere hat. Früher war das leichter, jetzt habe ich gar keine Arbeit.“
  • Weiß Deine Familie von Deiner Situation hier in Spanien?
Bathie: “Meine Mutter nicht, weil ich sie nicht beunruhigen will. Mein Vater mehr oder weniger. Er sagt ich bin ein Mann, habe Eier und soll Geduld haben, Arbeit zu finden.“
  • Würdest Du gerne nach Senegal zurück?
Bathie: “Ja, würde ich schon gerne. Aber erst mal will ich die 3 Jahre abwarten, bis ich Papiere habe. Mit Geld wäre das Leben in Senegal besser für mich, hier habe ich keine Familie.”
  • Was denkst Du jetzt über Spanien und über die Menschen hier?
Bathie: “ es gibt immer gute und schlechte Menschen, egal wo. In Spanien, in Senegal und auch in Deutschland.“
  • Wenn Du könntest, würdest Du jetzt nach Senegal zurück?
Bathie: “Wenn mich mein Chef anrufen würde und mir sagt ich könnte wieder für ihn arbeiten, ja.”
  • Wie willst Du zurück, nochmal mit dem Boot oder wie könntest Du den Flug bezahlen?
Bathie: “ Nein, nicht wieder mit dem Boot, das geht nicht, mit dem Flugzeug. Ich könnte Filme auf der Straße verkaufen und meinen Ausweis mitnehmen. Wenn mich die Polizei fragt und meinen Pass sieht schicken sie mich zurück nach Senegal. Aber manchmal machen sie das nicht, einem Freund von mir haben sie gesagt, wenn Du mit dem Boot gekommen bist kannst Du auch so wieder zurück. Ich kann auch die Leute auf der Straße fragen, ob sie mir helfen.“
  • Was sind die Pläne für Deine Zukunft?
Bathie: ”jetzt will ich erst mal die 3 Jahre abwarten, um die Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Wenn nicht, will ich nach Senegal zurück. Wenn ich sie habe auch. Aber ich will mit Geld zurück kommen, mit einem Auto, einem Haus und einer Frau. Ich möchte in Senegal ein Haus bauen und den Armen dort helfen…..“
So wie Bathi geht es vielen Immigranten in Spanien und die einzelnen Geschichten unterscheiden sich nur an äußerlichen Merkmalen wie Alter, Herkunftsland, Familiengeschichte etc. Die meisten sind junge Männer zwischen 20-30 Jahren. Nur wenige haben eine gute Bildung, einige können nicht mal ihren Namen schreiben. Nur wenige haben das Glück durch eine NGO in einer Wohnung untergebracht zu sein. Für sie sind Anlaufstellen wie zum Beispiel das Rote Kreuz sehr wichtig. Dort können sie ihre Kleidung waschen, duschen, etwas Warmes essen und vielleicht eine juristische Beratung bekommen. Die Gesetze werden auch in Spanien jedes Jahr verschärft und so wird es immer schwieriger in Europa Fuß zu fassen.

ISAH - l) Das Schulsystem Perus (Alex)

Motivation
Das Schulsystem in Peru schien besonders interessant für mich, da ich hier in Peru selbst ein ganzes Jahr in einer (Waldorf-)Schule arbeite und ich natürlicherweise an der Struktur des Schulwesens und den Lernvoraussetzungen der Kinder und Jugendlichen interessiert war, vor allem aber wodurch sich der anthroposophische Ansatz von den anderen Schulen in Peru unterscheidet. Ich wollte die Probleme des Bildungswesens erfassen, nicht zuletzt um auch zu verstehen, warum die Eltern „meiner“ Schüler sich für die Waldorfschule entschieden haben.
Überblick

Bevor ich anfing zu recherchieren, habe ich bei einer Autofahrt in die Runde gefragt, wie die Anwesenden sich das peruanische Schulsystem vorstellen. Relativ schnell war als Konsens herauszuhören, dass es wahrscheinlich ein marodes staatliches Bildungswesen und ein ausgeprägtes Privatschulnetz für die privilegierten Kinder gibt. Dieses – wenn man die im Grundgesetz verankerte Klausel des Rechts auf gleiche Bildung betrachtet - etwas kontroverse System ist kein Einzelfall und vor allem in ganz Südamerika ein großes Problem. Die stark verbreitete Armut, mangelnde Struktur und unterbezahlte, völlig überforderte Lehrer, die häufig noch schlecht ausgebildet sind, sind Gründe für eine sich immer stärker ausprägende Diskrepanz zwischen Arm und Reich, da die Armen die schlecht organisierten staatlichen Schulen besuchen und die Wohlhabenden alles daran setzen, ihre Kinder auf privaten Schulen unterzubringen. Der Staat erfüllt seine durchs Gesetz gegebene Aufgabe also mehr schlecht als recht, was den Ausbau des Privatschulnetzes nur noch mehr angekurbelt hat. Die angestrebten Reformen im letzten Jahrzehnt kamen schlussendlich nur denen zugute, die auf die Hilfe gar nicht angewiesen waren: den gut ausgerüsteten Privatschulen. Des weiteren fällt bei der Betrachtung der Schulen, ihrer Ausstattung und den Lernerfolgen der Schüler eine enorme Kluft zwischen ländlichen und städtischen Gebieten auf, was den Strom in die Städte mit der Hoffnung auf ein „besseres Leben“ unterstützt – in Lima, der Hautstadt Perus leben mittlerweile 8,2 Mio. Menschen, ein Drittel aller Einwohner Perus.
Lebensverhältnisse und Probleme

Die erwähnten Unterschiede zwischen Stadt und Land spiegeln sich auch in Statistiken wider, die die Effektivität und Klasse von Schulen dokumentieren. Augenfällig ist hier zudem noch, dass die Jungen gegenüber den Mädchen auf schulischer Ebene bevorzugt werden, sie also durchschnittlich eine längere Schulausbildung bekommen und somit auch bessere Voraussetzungen für die Zukunft haben. Außerdem werden in Europa im Durchschnitt 1500 Schulstunden pro Jahr erteilt, in Peru liegt die Vorschrift zwar bei immerhin 1000 Stunden, aber tatsächlich erteilt werden im Schnitt nur 450 in der Stadt und etwa 226 auf dem Land.
Ein Beispiel: Die durchschnittliche Schulverweildauer

Region
insgesamt
Geschlecht
Männlich
weiblich
Peru insgesamt
7,4
7,9
6,9
städtischer Ber.
8,7
9,2
8,3
ländlicher Ber.
4,4
5,1
3,7
Quelle: INEI - Encuesta Nacional de Hogares, 1997 - IV Trimestre

Da mittlerweile 72% der Peruaner in Städten leben, wird sich das Gesicht dieser Tabelle vermutlich in Zukunft noch dahingehend verstärken, dass Stadt und Land sich immer mehr voneinander entfernen – da auch bei den Reformen dort angefangen wird, wo die meisten Menschen leben: in der Stadt.
Ebenfalls entscheidend für das Profil dieser Tabelle ist die enorme Armut, die 50% der Peruaner unmittelbar betrifft (die Hälfte der Peruaner leben unterhalb der Armutsgrenze). Auch wenn das Staatsschulwesen prinzipiell kostenlos ist, müssen Schulbücher und Einschreibegebühren entrichtet werden, was bedeutet, dass die Ärmsten entweder gar nicht (15% der Kinder - zum Vergleich: in den Industrienationen sind es 2%) oder nur unter fatalsten Bedingungen die Schule besuchen können, zudem arbeiten müssen und somit wenig Zeit für die Schule haben.

Die Schulen

Grundsätzlich ist die Schullaufbahn eines Kindes zweigeteilt. Es gibt einen sechsjährigen grundschulähnlichen Teil, Primaria genannt, und einen fünfjährigen zweiten Teil, Secundaria genannt. Ein Projekt der Regierung, einen abiturähnlichen Abschluss („Bachillerato“) einzuführen, der sich an die Sekundärschule anschließt, wurde schon in Angriff genommen, allerdings war unklar, ob es kostenlos angeboten wird (angeboten werden kann), was wiederum die Chancen für die ärmeren Schüler gleich null setzen würde (den aktuellen Stand habe ich nicht herausfinden können).
Wie bereits erwähnt, gibt es eine enorme Diskrepanz zwischen staatlichen und privaten Schulen, die diesbezügliche Wahl ist absolut ausschlaggebend für die Chancen und die Aussichten des Kindes. Rund ein Viertel der Schulen ist in privaten Händen, die Tendenz ist steigend.

Die Lehrer

Ein Lehrer unterrichtet durchschnittlich 27 Schüler (in der Sekundarschule sind es 18), es ist jedoch auch keine Seltenheit, dass nur ein Lehrer für alle sechs Klassen der Grundschule zuständig ist. Die Schulen in der Stadt sind zu zwei Dritteln erstaunlich gut ausgestattet, im Departement Ayacucho, einer ländlichen und sehr armen Gegend ist es nur ein Sechstel. Die Ausbildungssituation jedoch ist katastrophal, 1990 hatten nur die Hälfte haben eine entsprechende fachliche Ausbildung, während es 1970 noch 70% waren. Das Gehalt der Lehrer (ca. 400 Soles) ermöglicht ihnen lediglich ein Leben an der Armutsgrenze, es liegt nur minimal über dem Mindestlohn.


Die Schüler

Auch die Zahlen der Schulkinder sind erschreckend: Mit 15% der schulpflichtigen Kinder gingen im Jahr 1999 sogar für südamerikanische Verhältnisse überdurchschnittlich viele Schüler nicht zum Unterricht (das sind 50% mehr als der südamerikanische Durchschnitt). Um die Familie unterstützen und Schulmaterialien bezahlen zu können arbeiten rund ein Drittel der Schüler parallel zur Schule, unter ihnen ist auch die Abbruchrate enorm hoch (47% der arbeitenden Schüler brechen die Schule ab, nur 8% der nicht arbeitenden). Da man ab dem 13.Lebensjahr gesetzlich zum Arbeiten legitimiert ist, nehmen viele Eltern die Kinder wieder von der Schule, um sie als arbeitende Unterstützung in der Familie einzubinden; hinzu kommt, dass ein Fünftel der 11 Mio. Schüler ausschließlich eine der 45 Inkasprachen beherrscht, was zu einem völligen Unverständnis der im Unterricht behandelten Themen führen und berechtigte Zweifel aufkommen lassen kann, ob die schulische Ausbildung für das Kind sinnvoll ist.


Die Regierung

Die von staatlicher Seite investierten Gelder gingen bis ins letzte Jahrzehnt stetig zurück oder wurden beibehalten, so lag die Prokopf-Investition für die Schüler im Jahr 1991 lediglich bei einem Viertel der in der Achtziger Jahren verwendeten Gelder. Vor allem an Lehrergehältern und –ausbildungen wurde gespart.

Die Reformen

Mit dem RENACE Programm, das Mitte der Neunziger Jahre ins Leben gerufen wurde, wollten die Behörden die Schulen vernetzen und ihnen und den Schülern einen permanenten Internetzugang ermöglichen. Das Programm beinhaltete drei wesentliche Punkte:
1.Einrichtung eines Informations- und Kommunikationssystems, welchen es allen zum Schulsystem dazugehörigen ermöglichen soll, die neuen Medien nutzen zu können und Informationen über das Red Cientifica Peruana zu erhalten.
2.Aufbau eines Systems, dass auf nationaler Ebene allen ermöglicht Erfahrungen im Ausbildungs- und Erziehungsbereich und Bewertungen austauschen zu können.
3.Das Medium Internet soll dazu genutzt werden, dass sich Lehrer durch Informationsaustausch nicht nur national, sondern auch international weiterbilden können. Dies soll durch e-mails und Teilnahme an Diskussionslisten über Erziehungsfragen erreicht werden.
24 Schulen sollten an diesem Pilotprojekt teilnehmen, nur sieben wurden letztendlich unterstützt. Dass diese Schulen bereits bestens ausgestattet waren, dass sie gar nicht auf die Finanzspritze angewiesen waren, die mit der „Reform“ einherging, lässt die Initiative noch unglaubwürdiger erscheinen, als sie ohnehin schon war.
An das RENACE Programm anknüpfend folgte 1998 nun das Projekt EDURED. Dieses Programm beinhaltete das Ziel, im Jahr 1999 sechzig Schulzentren aus Lima und den Provinzen ans Netz anzuschließen, weitere 1800 Lehrer fortzubilden sowie die schon ausgebildeten 3600 Lehrkräfte in ihrem Wissen auf dem neuesten Stand zu halten. Letztendlich sollten 240000 Schüler in die Projekte integriert werden.
Ein weiteres, nicht so weitreichendes Programm trug den Namen „Vaso de Leche“, das allen Kinder bis zum 6. Lebensjahr ein tägliches Glas Milch in der Schule versprach.
Mit dem zweiten Amtsantritt des Präsidenten Alan Garcia sollten auch weitere Initiativen folgen, da eines seiner Wahlversprechen der Kampf gegen den Analphabetismus war. Da die Oppositionspartei jedoch stärkste Kraft im Parlament ist, gestaltet sich die Umsetzung von Reformwünschen sehr schwierig.

Die Rolle der Waldorfschule

Die beschriebenen Probleme zeichnen nicht das im Grundgesetz enworfene Bild einer Chancengleichheit im Bildungssektor. Die ohnehin schon privilegierten Wohlhabenden werden in eine vorteilhafte Position versetzt, des weiteren werden die männlichen Schüler den weiblichen vorgezogen.
Dieser Ansatz ist Grundlage im Konzept der Waldorfschule (in meinem Fall die Cieneguilla Waldorf School), ihr primäres Ziel liegt in der Chancengleichheit und der Möglichkeit für jeden unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Herkunft sein Potenzial zu entfalten:
El acceso a estas escuelas es libre, pues se admite cualquier tipo de niño, sea cual fuere su origen cultural, social, económico o religioso.
(Auszug von der Website der Cieneuilla Waldorf School: http://www.waldorfcieneguilla.com/)
Das ist der Grund, warum ich mich für dieses Thema und die Stelle in Peru entschieden habe.
Quellen (leider teilweise nicht mehr ganz aktuell, da es kaum aktuelle Quellen gibt):

2. Parellelwelt Peru – und Du?

Für so manch einen ist der (Schul-)Alltag geprägt von der Flucht in virtuelle Parallelwelten. Sich den Pflichten dieser Welt entziehend wird der Vorzug einer Welt gegeben, in der man sich die Probleme selbst aussucht, sie gar nicht erst entstehen oder in der man sie einfach wegklicken kann. Hier werden die Kleinen ganz groß, die sonst keuchenden Schlappmacher bekommen nun auch ein Platz auf dem Treppchen und die graue Maus von nebenan sieht plötzlich aus wie MySpace-Nixe Tila Tequila.
Doch der Avatar muss keineswegs das zweite Ich der lebenden Loser unserer Gesellschaft sein. Er kann als Möglichkeit dienen, den Schein äußerer und materieller Makellosigkeit zu erzeugen – das unformulierte Ziel unserer Neidgesellschaft – und ein Leben zu führen, in dem man sich keine Gedanken über die Konsequenzen des eigenen Handelns machen muss.
Die Kausalität in der virtuellen Welt ist auf das World Wide Web reduziert. Da hier, in der „realen Welt“, die Kaffeepreise beim Tchibo an der Ecke jedoch Einfluss auf das Wohlbefinden südamerikanischer Kaffeebauern haben, muss man wohl von einem Abhängigkeitsverhältnis oder zumindest von einer Verbindung unseres eigenen Handelns und den Ereignissen an noch so weit entfernten Orten dieser Erdkugel sprechen. Dieser damit verbundenen Verantwortung – vielen ist sie gar nicht bewusst – kann man sich nicht entledigen, aber man kann sie versuchen auszublenden, man kann sich in Welten flüchten, in der andere Gesetze gelten.
Dass dabei schon Menschen aus Erschöpfung und Wassermangel gestorben sind, erscheint in diesem Zusammenhang als makabre Parallele zu einer weiteren Parallelwelt: die Dritte Welt. Hier verdursten die einen, weil sie vergessen haben zu trinken und dort verdursten die anderen, weil sie nichts zu trinken haben.
Ich werde mich am 1. September diesen Jahres ebenfalls den mir bekannten Strukturen entziehen und mich in einen Teil dieser weiteren Parallelwelt begeben. Doch es ist weniger eine Flucht aus der Realität, als in die Realität. Zwölf Monate werde ich im Rahmen einer entwicklungspolitischen Initiative (weltwärts) in der Nähe von Lima, Peru, Englisch und Deutsch unterrichten, Theaterprojekte begleiten und weitere Projekte betreuen.
Die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ sind Träger dieses Projektes, sie vermitteln, unterstützen und tragen mein Vorhaben. Beruhigend, schon jetzt „Freunde“ zu haben, die mich dorthin begleiten (auch wenn ich nicht die Erziehungskunst Rudolf Steiners bin), da ich doch von all meinen Freunden hier Abschied nehmen muss.
Mit dem Eintauchen in diese Welt omnipräsenter Armut und Grundbedürfnisse, die uns hier doch häufig so fern erscheinen, beginnt auch für mich ein neues, ein „zweites Leben“.
Als frisch gebackener Abiturient weit davon entfernt, mit beiden Beinen im Leben stehend, kann die Reise nach Peru vielleicht eine Möglichkeit für mich sein, mit dem kleinen Zeh nach einem standfesten Plätzchen im Leben zu suchen. Ich bilde mir nicht ein, mit meinem Projekt die Welt verbessern zu können - vielleicht schaffe ich es ja, in diesem einen Jahr mir selbst näher zu kommen und dabei niemandem im Wege zu stehen. Zwar werde ich die Kinder unterrichten, doch vielmehr als sie von mir werde ich von ihnen lernen. Sicher werde ich vom und über das Leben lernen und vielleicht, ganz vielleicht auch mit meinen Fähigkeiten entwicklungspolitische Hilfe leisten. Und wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich werde ich in einem halben Jahr über diese Zeilen schmunzeln.
Meinen Bemühungen, den Idealismus eines Weltverbesserers einzuschränken bleibt nun noch hinzuzufügen, dass ich die Reise vor allem antrete, weil ich Lust darauf habe – genau wie die meisten Spieler von „Second Life“ und Co.

3. Lehren und lernen in Lima

September 29, 2008 um 6:07 · Gespeichert unter Artikel für "Blickwechsel"
„Good morning mister profesor Alex“. Mit diesen Worten werde ich zurzeit fast täglich begrüßt. Auch „Lister Alex“, „Mixter Alex“ und „Teacher Gabriel“ bekam ich in den vergangenen Tagen und Wochen schon zu hören. Gabriel, das ist der Freiwillige, der bis vor zwei Wochen die erste und dritte Klasse in Englisch unterrichtet hat. Für mich sind es nun die die ersten drei Klassen, außerdem helfe ich noch bei der Inszenierung eines peruanischen Theaterstücks der neunten und zehnten Klasse, assistiere im Sportunterricht. Ich werde mit der zehnten Klasse deutsche Lieder singen, mit der zweiten Aquarellbilder malen und Gitarre spielen lernen, damit ich die Lieder im Unterricht begleiten kann. Nicht, dass ich all dies gut könnte, aber es muss gemacht werden, es wird gebraucht. Es wird gebraucht: das ist der Leitsatz der peruanischen Schulrealität.
Die Bildungssituation in diesem Land ist verheerend, der deutsche Pisa-Schock wirkt dagegen lächerlich. Kluften tun sich auf, wo Nivellierung das Ziel ist. Die kostenlosen, aber vernachlässigten staatlichen Schulen stehen den gut ausgestatteten, teuren Privatschulen, die unterbezahlten und häufig unausgebildeten Staatsschullehrer den gut ausgebildeten Pädagogen der Privatschulen gegenüber. Unterbezahlt heißt: ein Grundschullehrer, der alleine die sechs Klassen einer Unterstufe unterrichten muss, bekommt ein Monatsgehalt von 400 Soles (ca. 100 €) – die gleiche Summe, die ich monatlich von dem Freiwilligenprogramm aus Deutschland als Taschengeld bekomme. Ein Gehalt, das kaum zum Überleben reicht und somit viele Lehrer zu einem Zweitjob zwingt. Unausgebildet heißt: mittlerweile haben gut zwei Drittel der Staatsschullehrer keine abgeschlossene Ausbildung oder ausreichende Qualifizierung für ihre Unterrichtsfächer. Leider wird sich das wohl bald ändern. Leider, weil Präsident Alan Garcia nun alle Lehrer einem Leistungs- und Qualifizierungstest unterziehen will. Und zwei Drittel werden diesen Test nicht bestehen, womit sie ihre Lehrerlaubnis verlieren. Keine Lehrer, kein Unterricht, kein Lernerfolg. So hart und einfach klingt die Gleichung der (möglichen) zukünftigen Bildungssituation in Peru. Ein Grund mehr sein Kind auf eine der vielen Privatschulen zu schicken, die mittlerweile ein Viertel der in Peru existierenden Schulen ausmachen. Die Entscheidung, welchen Weg das Kind gehen wird, welche Chancen es später hat, wird also schon bei der Einschulung getroffen. Pauschal gesagt: die Reichen bleiben reich, die Armen bleiben arm.
Diese Art von Teufelskreis findet sich auch in der Diskrepanz der Schulqualität von Stadt und Land wieder. Das Budget der immer wieder aufblitzenden Schulreformen wird in die städtischen Schulen investiert, da dort aufgrund besserer Ausgangssituation und Ausstattung nicht soviel Geld benötigt wird, die ländlichen Einrichtungen hingegen werden vernachlässigt. Dies im Bewusstsein ziehen die armen Bauern und Landarbeiter in die Stadt, womit der Regierung wiederum Grund und Ansporn fehlt, in ländliche Gebiete zu investieren. Hinzu kommt, dass viele Schüler aus armen Familien (und die leben vorwiegend auf dem Land) neben der Schule noch arbeiten müssen, so dass die Abbruchrate höher wird, je weiter man sich von der Stadt entfernt. Zuguterletzt spielt auch das Geschlecht eine Rolle. Die Jungen gehen durchschnittlich länger zur Schule, sie schaffen es häufiger bis zum Abschluss, sie haben bessere Chancen auf Studien- und Arbeitsplätze. Dieses konservative – um nicht zu sagen „rückständige“ – System hängt stark mit dem katholisch geprägten Rollenbild von Mann und Frau zusammen, ist also auch ein Spiegel für die gesellschaftliche Situation Perus.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es hier im Colegio Waldorf Cieneguilla anders herum zu sein scheint: In den oberen Klassen haben die Damen die Überhand, die männlichen Vertreter sind wesentlich seltener, aber immer mit hängenden Schultern anzutreffen. Vor allem bei den Theaterproben kann man diese Eigenheit – ich hoffe nicht sagen zu müssen „Eigenschaft“ – beobachten. Dass diese Eigenheit in Deutschland anders sein soll, wage ich nicht zu behaupten, aber es gibt sie, die Unterschiede. Im Sportunterricht, in der Unterrichtswahl und –gewichtung, im Verhältnis zu den Lehrern. Bei meiner ersten Sportstunde war ich erstaunt zu sehen, dass die Mannschaften nach Jungs und Mädchen aufgeteilt wurden – und dass die Mädchen keineswegs langsamer, lustloser oder leistungsschwächer als die Jungs waren. Sie haben Wettrennen gewonnen, Volleyballspiele, Handballspiele. Das hatte ich von meiner Schulzeit anders in Erinnerung.
Aber nicht nur im Gegeneinander stehen sich Schülerinnen und Schüler in nichts nach. Sie alle tanzen. Gemeinsam. Alle Oberstufenklassen (das bedeutet 7. bis 11. Klasse) haben hier Tanzunterricht, alle tanzen sie zu peruanischer Folklore. Den Versuch, mir das mit deutscher Volksmusik vorzustellen, habe ich erfolglos, aber mit einem Lächeln auf den Lippen abgebrochen. Aus dem Lächeln wurde ein Grinsen, als ich mir dies mit meinen ehemaligen Lehrern vorstellte; denn hier tanzen – zur Freude der Schüler – die Lehrer in ihrer Mittagspause fleißig mit. Nächste Woche haben sie (eigentlich „wir“, denn sie haben mich gleich nach meiner Ankunft eingespannt) eine Aufführung in Lima, der Hauptstadt von Peru, in dessen Vorort ich wohne.
Ich lehre also nicht nur, was ich in Deutschland gelernt habe, sondern ich lerne auch, was Peru mich lehren kann. Diese Gewissheit lässt mich hoffen, dass auch die Kinder stetig dazulernen und ich bald von allen mit den Worten „good morning mister Alex“ begrüßt werde.

ISAH - k) Die Regierung tut so, als gäbe es keine Probleme

„Die Regierung tut so, als gäbe es keine Probleme“

Ein Interview mit den GenderaktivistInnen Jorge López und Zulma Robles aus Guatemala

Diskriminierung und oft tödliche Gewalt prägen in Guatemala den Alltag von
Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern (LGBT). Für die Achtung
ihrer Menschenrechte arbeitet die Nichtregierunsgorganisation OASIS
(Organisation zur Unterstützung einer integralen Sexualität um AIDS
entgegenzutreten). Die Lateinamerika Nachrichten sprachen mit zwei
AktivistInnen über trans- und homophobe Morde, die Einstellungen von Staat
und katholischer Kirche und die Folgen des Bürgerkrieges.


Sie leisteten mit OASIS in den ersten Jahren ausschließlich Präventions-
und Aufklärungsarbeit im Bereich HIV/AIDS. Seit Ende der 1990er Jahre
liegt der Schwerpunkt der Arbeit verstärkt darin, die Menschenrechte von
Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern (LGBT) zu fördern. Wie kam
es zu dieser Entwicklung?

Jorge:
Was wir zu Beginn unserer Tätigkeit machten, ist natürlich sehr wichtig:
Kondome verteilen, HIV-Tests, mit den Menschen über ihr Sexualverhalten
sprechen. Aber diese Arbeit kratzt nur an der Oberfläche des Problems. In
eigenen Studien haben wir festgestellt, dass ein Anteil von 18,3 Prozent
der schwulen und bisexuellen Männer sowie Transgendern mit dem HI-Virus
infiziert ist. Eine wirkliche HIV-Prävention impliziert aber nicht nur
Aufklärung. Vielmehr müssen die gesellschaftlichen Vorurteile beseitigt
werden, die etliche Menschen als einzige Einkommensquelle die Sexarbeit lassen.


Wie äußerten sich die Vorurteile gegenüber der LGBT-Community in der Vergangenheit?

Jorge:
Hier spielte der Bürgerkrieg in Guatemala (1960 bis 1996, Anm. d. Red.) eine entscheidende Rolle.
Die LGBT-Community wurde in jener Zeit massiv unterdrückt. Dies hatte viel
zu tun mit der Position des guatemaltekischen Militärs, dessen Mitglieder
während der Zeit des Bürgerkrieges tun konnten, was sie wollten. Sie
mussten keinerlei Sanktionen fürchten. Schwule und Lesben wurden von ihnen
eingeschüchtert, damit sie nicht an die Öffentlichkeit gingen. Die
Militärs haben uns über viele Jahre beigebracht, unsere sexuelle
Orientierung zu verstecken. Als der Krieg vorüber war, die
Friedensabkommen unterschrieben waren, nahmen wir an, dass die Bedingungen
für die sexuelle Vielfalt sich auch verbessern würden. Doch die Gewalt uns gegenüber verschlimmerte sich.



Was geschah dann in der Zeit unmittelbar nach dem Krieg?

Jorge:
Es gab zum Beispiel den Fall der Transgender María Conchita im Jahr 1997.
Zwei Soldaten vom guatemaltekischen Militär ermordeten sie auf der
Türschwelle von OASIS. Dieser Mord hat uns natürlich sehr erschüttert. Die
Presse griff uns an und die Kirche schimpfte, dass die Abnormalen jetzt
heraus kämen. Die Polizei nahm Transgender und Transvestiten fest, die als
Teil unserer Bewegung gegen Morde und Diskriminierung protestierten. Sie
wurden eingesperrt, gefoltert und vergewaltigt. Die Morde an Leuten aus
der LGBT-Community wurden viel systematischer.


Wie sieht die gesellschaftliche Situation der LGBT-Community heutzutage aus?

Jorge:
Zulma sagte vor ein paar Tagen etwas sehr Interessantes: Sie kann das Haus
verlassen, die Menschen schauen sie an und jemand sagt vielleicht, „Oh,
wie schön sie aussieht“. Aber diese Gesellschaft ist heuchlerisch. Es gibt
keine Bildung, und es gibt keine Arbeit für Menschen, die in der
Öffentlichkeit zu ihrer sexuellen Orientierung stehen. Und selbst wenn man
diese erstickende Stimmung etwas weniger wahrnimmt, ist die offene Gewalt
in den Straßen uns gegenüber so groß. Laut einer Studie von OASIS haben 80
Prozent der LGBT-Community Angst davor, als schwul oder als lesbisch
identifiziert zu werden.


Welche Rolle spielen Regierung, Militär und Polizei in der gegenwärtigen
Situation?

Jorge:
Die Regierung tut so, als gebe es keine Probleme. So muss sie keine
Lösungen finden. Würde die Regierung sich des Problems annehmen, müsste
sie Stellung beziehen, was vielen PolitikerInnen nicht gerade dabei helfen
würde, Stimmen bei der nächsten Wahl zu gewinnen. Also ist es egal, ob die
Polizei eine Transgender auf der Straße umbringt, die ja sowieso ein
Mensch war, der nichts wert war, ein verhasster Mensch, ein Mensch ohne
Ausbildung, eine Person, die in den Augen der Gesellschaft nichts
Interessantes zum Staat beitrug. Also warum sollte es die Regierung
kümmern, dass dieser Mensch umgebracht wird? Ich glaube nicht, dass
Präsident Álvaro Colom uns umbringen will. Aber es werden auch keine
Maßnahmen ergriffen, damit unsere Leben geschützt werden.


Wieso äußert sich Präsident Colom nicht in dieser Weise?

Jorge:
Es sind religiöse Vorurteile, die Colom auch öffentlich ausdrückt.
Kardinal Rodolfo Quezada Toruno (Erzbischof von Guatemala-Stadt, Anm.d.
Red.) ist vor einiger Zeit aufgetreten und hat gesagt, dass wir
Homosexuellen Respekt verdienen, aber niemals heiraten dürfen. Und nachdem
der Kardinal das gesagt hatte, sagte Álvaro Colom, bevor er 2008 das
Präsidentenamt antrat, dass Gott Adam und Eva und nicht Adam und Estéban
geschaffen habe. So kreieren sie die Grundlage für eine Situation, in der
es Tote gibt, in der es Menschen gibt, die keine Arbeit haben.


Gibt es für Sie einen Zusammenhang zwischen Machismus und Homophobie bzw.
der Diskriminierung der LGBT-Community im Allgemeinen?

Jorge:
Der Machismus versucht, die Männer auf eine privilegierte Position zu
stellen und all das herabzuwürdigen, was nicht männlich ist. Männer und
Frauen sind Opfer des Machismus. Ein Mann, der seine Privilegien als Mann
abgibt, wird als etwas angesehen, das nichts wert ist. Und eine Frau, die
versucht, als männlich angesehene Rollen anzunehmen, wird sofort
beschränkt. Ihr Verhalten wird als Herausforderung der gesellschaftlichen
Normen betrachtet. Dies führt zu ganz unterschiedlichen Umständen für
schwule Männer oder Transgender von Mann zu Frau und für die lesbischen
Frauen, Bisexuelle die Transgender von Frau zu Mann.


Zulma, Ihre Freundin Paulina wurde Opfer einer außergerichtlichen
Hinrichtung. Sie wurden bei dem Mordanschlag schwer verletzt. Wie hat sich
Ihr Leben seitdem verändert?

Zulma:
Mein Leben hat sich überhaupt nicht verändert. Im Gegenteil, ich habe
immer mit der Verfolgung gelebt. Ich habe ein Leben gelebt, betrogen um
meine Freiheit. Es ist keineswegs einfach gewesen. Doch war der Anschlag
für mich etwas so Abscheuliches, dass ich bisher noch nicht darüber hinweg
gekommen bin.


Der Mord an Paulina ist kein Einzelfall. Wie wird mit den Anzeigen
normalerweise umgegangen?

Zulma:
Der Staat tut nichts, um die Morde aufzuklären. Sie halten die Beweise
zurück und versuchen, sie nicht öffentlich zu machen.


Haben Sie Anzeige erstattet?

Zulma:
Jorge hat alle entsprechenden Schritte unternommen. Ich war damals im
Krankenhaus. Von dort musste ich nach zwölf Tagen flüchten, weil sie nicht
zugelassen haben, dass ich dort wieder gesund werde. Also musste ich an
einen privaten Ort fliehen, wo ich anderthalb Monate geblieben bin. Später
wurde ich in ein anderes privates Versteck gebracht, wo ich zwei Jahre
verbrachte, in denen ich ausschließlich telefonischen Kontakt zu meiner
Familie haben konnte. Jetzt bin ich wieder nach Hause zurück gekehrt. Die
Regeln sind aber immer noch die gleichen. Ich bleibe gezwungenermassen
eingeschlossen und führe praktisch ein rein privates Leben.


Gibt es in Ihrem Fall Fortschritte?

Zulma:
Es gab überhaupt keine Fortschritte bis vor ungefähr drei Wochen, als es
bei der Staatsanwaltschaft zu einem Personalwechsel kam. Einer der neuen
Staatsanwälte wollte sich darum kümmern, in dem Fall zu ermitteln. Er
ordnete an, dass ich angerufen werde. Ich sollte einige Polizisten
identifizieren, die am Tatort gewesen waren, und ich konnte einige
identifizieren. Sie sagten mir dann, sie würden weiter ermitteln und mich
wieder anrufen.


Mittlerweile begleitet Peace Brigades International (PBI) Sie in Ihrer
Arbeit, um internationale Öffentlichkeit und damit mehr Sicherheit für Sie
zu gewährleisten. Wie kam es dazu?

Jorge:
Indem wir die Mordfälle aufrollen, sind wir einer extremen Gefährdung
ausgesetzt. Der Fall von Paulina und Zulma hat einen besonderen Aspekt, da
Paulina Menschenrechtsaktivistin war. Wäre sie dies nicht gewesen, wie
viele der anderen vorher ermordeten Personen, hätte niemand außer OASIS
öffentlich darüber gesprochen. Wir fingen noch in der Mordnacht an, Briefe
zu schreiben, um international Alarm zu schlagen, dass eine
Menschenrechtsaktivistin außergerichtlich hingerichtet worden war. Alarm
geschlagen haben wir auch wegen der vielen anderen Morde. Wir haben
Trauermärsche und Demonstrationen veranstaltet. Aber erst als die Welt
mitbekam, dass es eine Menschenrechtsaktivistin war, die außergerichtlich
hingerichtet worden war, erhielten wir Aufmerksamkeit. Wir konnten so das
Interesse von Amnesty International wecken. Und PBI haben uns in
solidarischer Weise die Begleitung gewährt, um die wir als
MenschenrechtsaktivistInnen gebeten hatten, um so den Spielraum für unsere
Arbeit zu garantieren und unsere Leben zu erhalten.


Wie ist die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und
Transgendern in der aktuellen gesellschaftlichen Situation des Landes zu
verorten?

Jorge:
Die Diskriminierung, unter der wir wegen unserer sexuellen Orientierung
leiden, ist nur die Spitze eines ganzen sozialen Problems. Dessen Wurzeln
liegen im vergangenen Bürgerkrieg, in der Korruption der Regierung. Und
wenn die Menschen Blut auf den Straßen von Guatemala sehen, durchleben sie
wieder jene Psychose des Bürgerkrieges. Es ist nötig, menschliche
Entwicklungsprozesse in Gang zu bringen, in denen wir uns von all diesen
Spuren des Krieges und der sozialen Ungleichheiten befreien können und
lernen, uns als Personen wertzuschätzen. Wir müssen verstehen, dass auch
die eigene Lebensqualität besser sein wird, wenn sich die des Nachbarn
oder der Nachbarin verbessert.


Weitere Infos: www.geocities.com/oasiseduca
www.pbi-guatemala.org

Das obige Interview war bereits in den Nachrichten in Lateinamerika erschienen.

KASTEN:

Zu den Personen
Jorge López ist Gründungsmitglied und Direktor von OASIS (Organisation zur
Unterstützung einer integralen Sexualität um AIDS entgegenzutreten), Zulma
Robles arbeitet ehrenamtlich für die Organisation. OASIS startete 1993 als
Selbsthilfeprojekt, beschäftigte sich anfänglich mit HIV/AIDS-
Präventionsarbeit und unterstützt LGBT Sexarbeiter.

ISAH - j) Racial Profiling (Corinna Schäfer)

Racial Profiling

Über die Institutionalisierung von gesellschaftlich verankertem Rassismus am Beispiel der Polizei

Am 19.03.2009 fand die Veranstaltung “Racial Profiling – The colour of guilt and innocence“ in der Werkstatt der Kulturen in Berlin statt. Organisiert wurde sie von der Gruppe KOP (Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt) unter Mitwirkung von ReachOut (Opferberatung und Bildung gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus). Bei ReachOut mache ich momentan mein fünfmonatiges Praktikum im Rahmen des Studiums der Sozialen Arbeit an der ASH, und so habe ich auch an der Veranstaltung von KOP teilgenommen, deren meines Erachtens wichtigste Aspekte ich hier zusammenfasse.

Während in Großbritannien das häufig rassistische Vorgehen der Polizei als Tatsache offiziell anerkannt ist und es in den USA immerhin zahlreiche Studien und Veröffentlichungen zu dem Thema gibt, wird in Deutschland kaum über Racial Profiling gesprochen. Eine Anfrage zum Thema im Deutschen Bundestag lieferte folgende Antwort: „Der Begriff des ‘racial profiling’ ist aus den USA bekannt. Er umschreibt vor allem das Herausgreifen bestimmter Personen bei Personenkontrollen auf Grund ihres Aussehens (z.B. ethnische Herkunft, Hautfarbe). In der Bundesrepublik verbietet sich eine solche Vorgehensweise schon auf Grund des Grundgesetzes und des rechtsstaatlichen Systems. Daher bedienen sich weder das Bundeskriminalamt noch die Bundespolizei eines solchen Instrumentes.“
Da das Argument, nur weil Rassismus verboten sei, existiere er nicht, nicht besonders überzeugte, wurde eine Veranstaltung zu Racial Profiling organisiert mit Referent_innen aus den USA, der Slowakei und aus Berlin, moderiert durch eine Mitarbeiterin von ReachOut.

Als erstes sprach Dr. Vikas Gumbhir, Soziologe und Kriminologe an der Gonzaga University in Spokane, Washington und Autor des Buches “But is it Racial Profiling? Policing, Pretext Stops, and the Color of Suspicion“. Zunächst präsentierte er eine neue Statistik des US-Amerikanischen Kriminalamtes. Diese ergab, dass People of Color 2,5-mal so oft verhaftet werden wie Weiße. Sie werden 3,5-mal so oft wegen Drogenbesitzes verhaftet, 4-mal so oft überwacht, und 6-mal so oft wie Weiße verbüßen sie Haftstrafen. Obwohl People of Color nur 13% der US-Amerikanischen Bevölkerung ausmachen, sind 42% der zum Tode Verurteilten Schwarze.
Das wirft die Frage auf, wodurch solch ein Missverhältnis zustande kommt. Denn Untersuchungen ergeben, dass beispielsweise im Hinblick auf den tatsächlich stattfindenden Drogenkonsum kein unterschiedliches Ausmaß bei Weißen und bei Schwarzen US-Amerikaner_innen feststellbar ist. Liegt es daran, dass einige Polizist_innen voreingenommen sind gegenüber People of Color? “A few bad apples on a tree“, ein paar „Schwarze(!) Schafe“ bei der Polizei?
Dr. Gumbhir kommt zu einem anderen Ergebnis. Sicher gibt es bei nicht wenigen Polizist_innen genauso Vorurteile wie in der breiteren Bevölkerung, doch dadurch können solche eklatanten Verhaftungs- und Verurteilungsraten nicht erklärt werden. Vielmehr ist anzunehmen, dass es sich um institutionellen Rassismus handelt, der wiederum mit tief in der gesellschaftlichen Sozialstruktur verankertem Rassismus einhergeht, wobei beide sich gegenseitig bedingen und stützen. Um die strukturelle Ungleichheit zu rechtfertigen, werden Mythen geschaffen. Dr. Gumbhir illustrierte diesen Mechanismus an zwei Beispielen: den Krieg gegen Drogen (“war on drugs“), und die Militarisierung der Polizei.
Drogen wurden das erste Mal von Richard Nixon als Staatsfeind Nummer Eins bezeichnet. Der Krieg gegen Drogen bekämpfte maßgeblich ihre Verfügbarkeit. Dies bedeutet, dass ein soziales und medizinisches Problem durch Kriminalisierung derer gelöst werden sollte, die Hilfe brauchen. Im Fokus waren auch nicht die Menschen, die beispielsweise verschreibungspflichtige Drogen (häufig im illegalen Übermaß) konsumierten, sondern es wurde sich konzentriert auf Konsument_innen in den verarmten US-Amerikanischen Innenstädten, und hier besonders auf Crack-Kokain, welches vornehmlich unter den ärmeren Bevölkerungsschichten – oft People of Color – verbreitet ist. 1986 trat ein Gesetz in Kraft, das den Besitz von 50g Crack mit etwa 10 Jahren Gefängnis bestraft. Zum Vergleich: um für reines Kokain eine ähnliche Strafe zu erhalten, müssen 5000g bei einer Person gefunden werden. Mit diesem Gesetz wurde also ein Teil der schwarzen Bevölkerung kriminalisiert und die Polizei dazu verpflichtet, einen Krieg gegen die verarmten Innenstadt-Bezirke zu führen. Auch jenseits von individuellem Rassismus der Polizist_innen verursacht dies Racial Profiling, da der Fokus auf einer vornehmlich unter ärmeren People of Color verbreiteten Droge liegt.
Mit dieser Entwicklung ging eine gleichzeitige Militarisierung der Polizei einher. Dies beinhaltet die Ausrüstung – gepanzerte Fahrzeuge, Blend-Schockgranaten, Gummigeschosse, Taser (Elektroschockpistolen), Uniformen im Militär-Stil – und die Taktiken, die Sprache und eine so genannte Krieger-Pose. Die meisten Großstädte verfügen über SWAT-Teams, „special weapons and tactics units“, die paramilitärischen Charakter haben und in den verarmten Innenstädten eingesetzt werden. Damit wird die Trennlinie zwischen Polizei und Militär immer stärker verwischt. Gleichzeitig findet eine extreme Entfremdung von der Bevölkerung statt. Die Innenstädte entwickeln sich zu besetzten Gebieten, deren Bewohner_innen zunächst beweisen müssen, dass sie keine Gefahr darstellen. In einem Kriegsgebiet existiert keine Unschuldvermutung. In der Öffentlichkeit werden die Betroffenen als gefährlich dargestellt, um dieses maßlose Aufgebot und die Unterdrückung zu rechtfertigen. Polizist_innen werden zu heldenhaften Kämpfer_innen, die als dünne blaue Linie den Rest der US-Amerikaner_innen vor diesen gefährlichen Kriminellen beschützen. Im Kontext dieser Mythologisierung muss Racial Profiling betrachtet werden.
Dem Problem wird im Wesentlichen mit zwei Methoden begegnet: Training der Polizei und Überwachung ihrer Arbeitseinsätze. Im “Diversity-Training“ wird Versucht, vorhandene Vorurteile bei individuellen Polizist_innen abzubauen. Bei der Methode der Überwachung werden große Mengen von Daten über sämtliche Personenkontrollen gesammelt, die von Polizist_innen eines bestimmten Abschnittes vorgenommen werden. Einerseits soll damit ein genaueres Bild vom Schema des polizeilichen Vorgehens gezeichnet werden, andererseits ist die Methode an die Erwartung geknüpft, dass weniger Diskriminierung stattfindet, wenn die Polizist_innen wissen, dass sie überwacht werden.
Beide Methoden haben sich als absolut unwirksam herausgestellt. Training ist uneffektiv, da Handlungsmethoden größtenteils während des Einsatzes von Kolleg_innen erlernt werden und generell Trainer_innen, die von außen kommen und der Polizei erklären wollen, wie sie ihre Arbeit zu tun haben, nicht respektiert werden. Die Sammlung von Daten hat der diskriminierenden Praxis nicht Einhalt geboten. Sie hat aber aufgezeigt, das Polizist_innen selbst dann noch diskriminieren, wenn sie dabei beobachtet werden.

Ein noch pessimistischeres Bild zeichnete Dr. Columbus Igboanusi, Anwalt und Menschenrechtsaktivist aus der Slowakei. Dort sind hauptsächlich Roma rassistischen Angriffen ausgesetzt. Sie machen etwa 10% der Bevölkerung aus. Allerdings werden alle Menschen, die nicht als Weiße gelten, landläufig als Roma bezeichnet. Nicht-Weiße müssen bei jeder längeren Autofahrt beispielsweise mit mehreren Papier-Kontrollen rechnen, während Weiße jahrelang unbehelligt ohne Führerschein unterwegs sein können.
Dr. Igboanusi berichtete von zahlreichen Fällen, in denen Polizist_innen schwere rassistische Angriffe begangen hatten – zum Teil mit Todesfolge – und auf rechtlicher Ebene in keiner Weise dafür belangt wurden. In einem solchen Beispiel aus der Slowakei wurde eine ganze Familie von der Polizei entführt und gefoltert, wobei der Vater starb. Auslöser war, dass ein Polizist angeblich von einem Familienmitglied beleidigt worden war.
Hoffnung setzt der Anwalt auf europäische Menschenrechtskommissionen, die die Einhaltung der Konventionen einfordern, deren sich die europäischen Mitgliedsstaaten verpflichtet haben.

In der die Vorträge anschließenden Diskussion wurde die Frage aufgeworfen: „Wenn die Polizei uns beschützt, wer beschützt uns dann vor der Polizei?“ Dazu meinte Dr. Gumbhir, dass wir uns selbst schützen sollten. Denn theoretisch kann die Polizei ihre Arbeit nur mit dem Einverständnis der Bevölkerung ausführen, die ihre Autorität anerkennt. Es gilt also, diese Autorität auf breiter Basis in Frage zu stellen. Es muss von dem in den Medien gezeichneten Bild Abstand genommen werden, welches die Polizei als notwendigen Schutz und Hüter der Ordnung dargestellt. Auch der zunehmenden Militarisierung sollte entgegengetreten werden, da in deren Zuge einer Zustimmung der Bevölkerung immer weniger Beachtung geschenkt werden muss und die Autorität mit Gewalt durchgesetzt werden kann.
Die Situation in den USA unterscheidet sich sicherlich von der in Deutschland, doch auch hier finden sich strukturelle Voraussetzungen für Racial Profiling. Ein Teilnehmer der Diskussion nannte als Beispiel die Residenzpflicht, die die Bewegungsfreiheit von Asylsuchenden extrem einschränkt. Der Aufenthalt außerhalb eines ihnen vorgeschriebenen Landkreises bedeutet einen Rechtsverstoß. Dies kriminalisiert Asylsuchende und bringt sie in das Visier der Polizei, ohne dass ein individueller Rassismus bei einzelnen Polizist_innen bereits vorhanden sein muss.

In seinem Vortrag erläuterte der Referent von der Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt Biplab Basu mehrere Fälle von Racial Profiling, die in Berlin stattgefunden haben. Diese werden von KOP in einem Archiv dokumentiert, welches auch online auf der Webseite der Organisation einzusehen ist. Neben der Dokumentationsarbeit werden die Betroffenen auch ermutigt und dabei unterstützt, die Fälle zur Anzeige zu bringen. Allzu oft stehen die vom Angriff Betroffenen selbst wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt oder gar wegen Köperverletzung gegen Polizeibeamt_innen vor Gericht. Sie werden angezeigt, um das brutale Vorgehen der Polizei zu rechtfertigen und vorhandene Verletzungen bei den Betroffenen zu erklären. Obwohl vor Gericht kaum eine Chance besteht, eine Verurteilung der Täter_innen rassistischer Polizeigewalt zu erwirken, da sich die Kolleg_innen erfahrungsgemäß mit ihren Aussagen gegenseitig decken, ist es doch wichtig, das Thema nicht ruhen zu lassen.

Ein Beitrag aus dem Publikum erwähnte die Möglichkeit einer so genannten Beweislast-Umkehr. Dieses Vorgehen wird vom internationalen Strafgerichtshof in Bezug auf Menschenrechtsverbrechen angewandt. Es bedeutet, dass aus einem bestimmten Gebiet viele ähnliche Vorfälle berichtet werden, die dann im Einzelnen nicht mehr von den Betroffenen nachgewiesen werden müssen, da das gehäufte Auftreten die Annahme bekräftigt, dass die Aussagen wahrheitsgemäß sind.
Dokumentation von Vorfällen ist also ein wichtiger Schritt zur Bekämpfung von rassistischer (Polizei-) Gewalt. Es kann dadurch nachgewiesen werden, dass es sich nicht um Einzelfälle, um ein paar „schwarze Schafe“ bei der Polizei handelt, sondern dass das Problem strukturell bedingt ist. Um Racial Profiling und rassistischer Gewalt die Grundlage zu entziehen, ist ein radikaler Wandel auf gesellschaftlicher und auf rechtlicher Ebene nötig.
An die Hochschulen geht hier von meiner Seite aus die Forderung, die Thematik aufzugreifen und in dieser Richtung zu forschen, um das Misstrauen gegen genannte staatliche Institutionen mit immer mehr Fakten zu belegen und die Basis für grundlegende Änderungen zu festigen.

Mehr Informationen unter:
http://www.kop-berlin.de/
http://www.reachoutberlin.de/

von Corinna Schäfer